Brandenburger Fenster’s Umzug

reh

Manchmal muss man umziehen. Ich persönlich finde das wahnsinnig anstrengend, weswegen ich es nach Möglichkeit zu vermeiden versuche. Besonders, wenn man ein tinyhouse im Schlepptau hat, von dem man nicht weiß, wie es sich in Bewegung eigentlich so macht. Da kann es schon mal passieren, dass man sich mit so einer Entscheidung bis zu einem Jahr Zeit lässt.

Sehr viel länger sollte man dann aber auch wirklich nicht warten. Kraft sammeln und Anlauf nehmen ist aber schon erlaubt.

Vor allem auch nötig. Denn der Hof, auf den ich gezogen bin, weckt Erinnerungen an 1946, die ich eigentlich gar nicht haben kann, aber dennoch sehr lebendig sind. An der Adresse hat sich nur die Hausnummer geändert. Vom äußersten Zentimeter des Dorfes in die Mitte des Dorfes. Gewagt, für die bestehenden Isolationstendenzen, aber gar nicht so übel und eigentlich sogar ziemlich schön, wie sich nun herausstellt.

Jetzt möchte der Leser aber was über den Hof wissen und ob ich hier mutterseelenallein nur mit den Hummeln und Rehen lebe.

Es ist ein recht geräumiger Dreiseithof, mit meinem Häuschen ein Dreieinhalbseitenhof. Vorne ist ein Wohnhaus, an der Seite auch und auf der anderen Seite eine riesige baufällige Scheune mit charmantem Gesicht. 1889 steht da. Nach hinten raus gehört nicht wenig Ackerfläche.

Und dann begab es sich so, dass in dem Moment, in dem ich beschlossen hatte, mein Leben aus den Angeln zu heben und 500m weiter wieder abzusetzen, Corona ebenso beschlossen hatte, die Welt aus den Angeln zu heben. Was wiederum dazu führte, dass ein alter Freund in weiser Voraussicht aus Berlin flüchten wollte, bevor dies vielleicht sehr bald nicht mehr so leicht sein würde. Diese ganzen Sprüche, mit dem wenn man glaubt es geht nicht mehr und dem Lichtlein, die stimmen alle! Sie stimmen alle! Ich wohne jetzt lange genug auf dem Land, um an Engel glauben zu dürfen. Es gibt sie. Sie haben Surferhaare und fahren krisensichere Autos mit Dachzelt. Es ist der Hammer. Mein alter Freund, Tim heißt er übrigens, sorgte also dafür, dass alles 30x so schnell ging, wie ich es mir vorgestellt hatte. Abends guckten wir Tagesschau und aßen abwechselnd Erbsen- oder Linsensuppe aus der Dose. Es ging etwas existenziell zu, aber die Stimmung war gut.

Auf dem Hof hier war vor kurzem noch nichts so richtig, dass man guten Gewissens Besuch eingeladen hätte, was ja ohnehin nicht gegangen wäre, aber dennoch war auf wundersame Weise für das Allernötigste vorerst gesorgt. Um sich einen ersten Eindruck vom Wohnlichkeitsgrad zu verschaffen: Der Vormieter, seit Jahren verstorben, hatte die Küche schwarz gestrichen. Ein praktisch denkender Mann, der sich keine unnötige Arbeit mit dem Entfernen von Flecken machen wollte. Gestorben ist er trotzdem. Oder deswegen.

Tim hat sich kurzerhand entschieden, mein Teilzeitmitbewohner zu werden. Zusammen mit seiner Freundin, die zu meiner großen Freude und Erleichterung ein Mensch ist, den man innerhalb sehr sehr kurzer Zeit sehr sehr lieb gewinnt. So lange sie mit keinem besseren Namen als „Heike“ als Decknamen für das Brandenburger Fenster um die Ecke kommt, übernehme ich den Vorschlag meines Handys und nenne sie fortan Kenny.

Neben Kenny und Tim gibt es zahlreiche Tiere, mit denen ich mir die neue Umgebung teile. Vögel, Schmetterlinge, Hummeln, Bienen, gallische Feldwespen, Rehe, Frösche, Igel, ungefähr sieben zottelige Katzen, Winkelspinnen und ein paar Tiere, die ich nachts höre, aber nur in meiner Vorstellung sehe. Auf meine Berichterstattung über die Tierwelt, die mich umgibt, antwortete mir ein Freund: „Du bist wie eine Disney-Prinzessin, nur ganz anders.“ Die Nachtigall ist ein Vogel, dessen Beliebtheit mir ein Rätsel ist. Aber es gibt ja Ohropax. Der Wiedehopf hingegen war zwar nur einen Abend hier, sorgte bei uns aber für große Aufregung und Begeisterung. Was nachts unter dem Fenster so unverhohlen laut mampft, ist wahrscheinlich einfach ein Reh. So jedenfalls die Hoffnung.

Meine Identifikation mit den Trümmerfrauen war vorerst stärker, die Disney-Prinzessin bahnt sich erst jetzt langsam den Weg. Während einige Leute Corona-bedingt ihre Filzstifte auf Funktion getestet und ihren Bauchnabel mal gründlich saubergemacht haben, überschlugen sich hier jedenfalls die Ereignisse und es sollte mein Schaden nicht sein.

Mein Häuschen, die BERta, hat den Umzug überlebt. Dank der Hilfe meines Nachbarn und seinem Trecker. Seinem Sohn und Tim. Ich war lediglich drei Stunden lang darum bemüht, nicht in Ohnmacht zu fallen.

Die untere Hälfte der Küche ist mittlerweile in antiseptischem Mint gestrichen, was neben unzähligen anderen Fortschritten sehr zum Seelenheil beiträgt.

Es ist gar nicht so einfach, mit einem Haus umzuziehen. Aber neben den vielen anderen Dingen, die ich an der BERta gelernt habe, nun eben auch das. Dass selbst das möglich war. Diese Möglichkeitssehne ist sehr viel dehnbarer, als bislang angenommen. Spätestens, seitdem ich von meinem Vater einen Einhornsticker mit Regenbogenhorn per Telefon geschickt bekommen habe, bin ich vollends überzeugt, dass nichts, aber auch wirklich überhaupt rein gar nichts unmöglich ist in diesem Leben. Möge ich diese Erkenntnis sicher bis in alle Ewigkeit für die jeweils unmittelbar bevorstehende Zukunft in meinem Herzen bewahren.

Und auch wenn ich nicht auf einer Bühne stehe und keinen Grammy gewonnen habe, so habe ich doch vieles andere gewonnen und möchte ich meinen Dank verschriftlichen an alle Menschen, die mich in den vergangenen Monaten in den unterschiedlichsten Formen unterstützt haben, mit Treckern, Kraft, Zeit, gutem Zureden, Zuhören, Farbe, Matratzen, Teppichen, Kloschüsseln und allem was dazu beigetragen hat, dass ich heute hier sitzen und schreiben und einen guten Tag haben kann. Danke, danke, danke!

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