Der unsterbliche Schmetterling

schmetterling

Aus einem Grund, der mir gerade nicht mehr einfallen will, bin ich kürzlich unter meinem Schreibtisch rumgekrabbelt.

Da sah ich, dass da ein Schmetterling hängt, zusammengefaltet wie eine schlafende Fledermaus. Und dass der da schon seit einem Jahr hängen muss, denn als ich das letzte Mal unter meinem Schreibtisch rumgekrabbelt bin, war er mir auch schon aufgefallen, aber da stand der Tisch noch woanders und das war lange her.

Kann sein, dass ich dem Impuls nachgegeben habe, ihn kurz anzutipsen, um zu gucken, ob er dann runterfällt. Er fiel aber nicht. Er hing da einfach weiter ganz fest mit seinen kleinen Zehen im Holz festgekrallt. Ich hab ihn auch nicht doll angestupst.

Aber offenbar doll genug, um ihn zu wecken.

Bald darauf flog er nämlich durch den Raum, als ob im vergangenen Jahr nichts gewesen wär und mir blieb vorerst nichts anderes übrig, als seinen Flug ungläubig zu verfolgen und mir die Augen zu reiben.

Was sind das nur für seltsame Tiere, die erst als bunte haarige Würmer durch die Welt robben, sich dann eine Weile zurückziehen und als vollkommen anderes Lebewesen wieder auftauchen und einem den Atem rauben, wenn sie in ihrer Pracht an einem vorbeiflattern.

Im Garten ist das sicherlich auch sehr schön, aber mitten im Winter in einem Wohnraum eher etwas traurig. So ein schönes wildes Tier so eingesperrt.

Fangen konnte und wollte ich ihn aber auch nicht. Wohin auch mit ihm? Draußen wäre es auch zu kalt für ihn gewesen vielleicht. Also blieb er einfach bei mir und ich ließ der Natur ihren Lauf.

Wie hatte der so lange unter dem Schreibtisch überlebt? Brauchte der kein Wasser? Nektar? Oder was Schmetterlinge so essen?

Eine der Katzen hatte bald darauf die Phase, in der sie für eine Weile lieber bei mir abhängen wollte als mit den anderen. Kurz ging es gut, da schnuselte sie auf dem Bett, wie die das so machen und dachte, sie hätte nichts zu tun. Aber dann zog bald der unsterbliche Schmetterling wieder seine Runden. Natur. Mäuse, Salamander, Vögel, Schmetterlinge. Müssen alternativlos sofort gefangen werden. Und ich hatte entschieden, der Natur ihren Lauf zu lassen. Es ging also ganz schön rund bei mir im Zimmer. Es war schwer, die Katze noch richtig zu mögen. Aber sie machen alle einfach nur ihr Ding und man muss es aushalten.

Bald darauf geschah es. Der Schmetterling lag auf dem Boden und flog nicht mehr. Die Katze daneben. Ich hielt den Kampf für entschieden. Endlich konnte ich mal kurz austreten. Als ich wiederkam, war der Schmetterling wieder weg.

In den folgenden Tagen beobachtete ich mindestens zwei weitere Kämpfe um Leben und Tod. Der Gedanke, dass der Schmetterling in Wirklichkeit mit der Katze spielt, drängte sich auf. Ich glaub, er war aus Stahl, der Schmetterling.

Irgendwann lagen die beiden sogar zusammen auf dem Bett. Da war ich mir sicher, dass er tot ist. Als ich ihn vorsichtig aufheben wollte, flog er wieder davon. Ich schlug die Hände vor‘s Gesicht und schüttelte den Kopf. Dann lebte ich von nun an eben mit einem Perpetuum mobile zusammen.

Aber er wurde schwächer. Ich geriet in ein moralisches Dilemma. Sollte ich ihn töten? Das wäre das nächste Level gewesen, nachdem ich eine der nur angeknabberten, noch lebenden Mäuse, die eine der Katzen ins Haus verschleppt hatte, einen Gnadenstoß hab geben müssen. Das war schon schlimm, aber ein Schmetterling? Wie überhaupt? Mit einer Stecknadel erdolchen?

Ich hab ihn dann einfach in ein kleines Kästchen gelegt, in dem ich früher geheime, sehr kleine Dinge unter einem Wattebüschel aufbewahrt habe. Da lag er dann. Und streckte zwischendurch mal ein Bein aus. Da liegt er nun seitdem. Und ich stups ihn nicht mehr an. Er liegt da einfach und schläft.

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