Das Seepferd

Im Sommer passieren immer wichtige Sachen. Im Winter und sonst auch, aber diesmal ist wieder eine wichtige Sache im Sommer passiert. Ich habe mein Seepferd gemacht. Schon im Juni, also lange her.

Wenn man sein Seepferdchen aus guten Gründen nicht gemacht hat, als der Kinderschwimmkurs vorbei war, ist die einzige Möglichkeit, dies nachzuholen, es sich fest vorzunehmen und einen Monat im Sommer auszuwählen. Es war also der Juni. Ein sehr freundlicher und warmer früher Abend in der Badeanstalt am See der kleinen Stadt zu der das noch viel kleinere Dorf gehört in dem ich lebe.

Da war nicht viel los. Es ist gut, wenn nicht allzu viel los ist, wenn man ein Kindheitstrauma überwinden möchte. Es ist nicht so, dass ich nicht schwimmen konnte. Bloß nicht besonders gut, seitlich, um genau zu sein, weil die Beine sich nicht synchron bewegen wollen. An Kraulen, Rückenschwimmen, toter Mann und Tauchen nicht weiter zu denken.

Der Bademeister mit den dunkel getönten Haaren mit Aubergineschimmer und der nachwachsenden Brustbehaarung stellte fest: „Sie sind aber schon über 12“ als ich ihn fragte, ob ich heute noch mein Seepferdchen machen könne. Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht. Das hatte auch nirgends gestanden, als ich mich nochmal informiert hatte, was man alles machen muss, um das Abzeichen zu bekommen. 25 Meter schwimmen, Sprung vom Beckenrand und einen Gegenstand vom Boden aufheben aus schultertiefem Wasser. „Ok. Kann ich dann einfach die Sachen machen und Sie gucken zu und wenn ich es geschafft habe, geben Sie mir feierlich die Hand, damit es etwas Offizielles hat?“        Er lächelte dann und stellte mir eine Gehilfin an die Seite, die meine Leistungen überprüfen sollte.

Aber vorher musste ich noch kurz üben und Generalprobe machen. Dabei konzentrierte ich mich besonders auf den Sprung vom Beckenrand, den es in einem See natürlich nicht gibt, dafür aber eine riesige Gummiinsel, von der aus man ins Wasser hüpfen kann. Ich fand es schon ziemlich hoch von der Gummiinsel und war sehr aufgeregt, weil ich das letzte Mal vermutlich mit 12 von einem Beckenrand gehüpft war. Aber wie in den meisten Fällen von Überwindung, ist längeres Nachdenken und Abwägen nicht zweckdienlich. Also Nase zuhalten, Luft anhalten und rein.

Seitdem hüpfe ich nur noch. Ich denke nicht mal daran, eine Leiter zu nehmen oder mich langsam ins Wasser gleiten zu lassen. Endlich bin ich nicht mehr ausschließlich genervt von Kindern, die nichts anderes tun, als ins Wasser zu springen, wieder rausklettern und wieder reinspringen und so geht das dann immer weiter. Ich verstehe jetzt haargenau was sie da machen und warum.

Nach dieser erfolgreichen Generalprobe meldete ich mich bei der Gehilfin des Bademeisters, dass ich nun bereit sei, den Test abnehmen zu lassen. Die Gehilfin hatte plötzlich zwei weitere Gehilfen, einen Jungen und ein Mädchen, die ungefähr 7 Jahre alt waren, viele Tipps für mich hatten und mir gut zuredeten. Ein bisschen von oben herab auch, weil sich die beiden kleinen Scheißer wahrscheinlich supercool vorkamen, einer 37-Jährigen beim Seepferdchen zu assistieren.

Zu viert liefen wir also über den Steg, von dem aus ich ins Wasser sprang, als hätte ich den ganzen Sommer nichts anderes getan, bis zum anderen Ende des Stegs schwamm, ziemlich grade, um dann die letzte Aufgabe zu erfüllen, nämlich etwas Sand vom Boden zu greifen und vorzuzeigen aus schultertiefem Wasser. An dieser Stelle wurde es nochmal unvorhergesehen knifflig, weil Wasser den Reflex in mir auslöst, tief Luft zu holen und mir die Nase zuzuhalten. Hatte ich auch für unnötig gehalten zu üben. Fehler! Mit so einer Lunge voll Luft lässt sich schlecht tauchen und die drei Gehilfen sprachen schon davon, dass morgen ja auch noch ein Tag sei. Aber das kam nicht in Frage. Es dauerte tatsächlich drei Versuche, bis ich endlich ohne Luft den Sand zu greifen bekam. Es war fast wie die Fahrprüfung.

Und als mir endlich der Schlamm zwischen den Fingern entlangsickerte waren wir alle sehr froh und erleichtert und klatschten.

Die nächsten Stunden und Tage verbrachte ich in einem konstanten Zustand aus Jubel, Freude und Stolz.

In meiner Erinnerung regnete es Glitter, als ich zum Bademeister stolzierte, er mir feierlich die Hand gab, gratulierte und sein Kistchen holte, in dem er die Seepferdchen-Aufnäher und Zeugnisse für Frühschwimmer aufbewahrt. Ich schaute ihm dabei zu, wie er mir das Zeugnis ausstellte, dieser gebräunte Mann mit dem Aubergineschimmer im Haar und den grauen Stoppeln auf der Brust und dem Stift, auf dem eine Fee thronte und glitzerte, womit ich ihn kurz aufzog.

Nach Ausstellung und Überreichung des Zeugnisses und Erwerb des Aufnähers ging ich zu meiner Bekannten, die mich zu diesem Spektakel am See begleitet hatte. Weitere Gratulationen, Applaus und bewundernde Blicke der anderen Badegäste folgten auf dem kurzen Weg zu ihr.

Dann gingen wir zum Pommesstand und bestellten zwei Portionen Pommes Schranke. Der Alkoholiker, der wahrscheinlich schon den ganzen Nachmittag vor dem Pommesstand verbracht hatte, ließ sich kurz erklären, was Pommes Schranke bedeutet und schämte sich dann sehr, was mir sehr leid tat.

Der Pommesverkäufer, der eher den Eindruck machte, als würde er nebenberuflich Tantra-workshops geben, der Alkoholiker, meine Bekannte und alle anderen freuten sich jedenfalls alle sehr über meine Errungenschaft und die Pommes waren auch lecker.

2 Kommentare zu „Das Seepferd

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