spark joy item

Letzten Sommer bin ich erwachsen geworden. Es muss ungefähr am 25. August gewesen sein. Das war ein Samstag.

Bevor ich auf’s Land gezogen bin, war ich ja Buchhändlerin. Nicht Buchhalterin und auch nicht in einer Bücherei, sondern eine Buchhändlerin in erst einem und dann einem anderen wundervollen kleinen Buchladen. Dort habe ich mich um Bücher und Menschen, die sie gerne lesen gekümmert. Das war meistens genau so schön wie es klingt. Aber manchmal tauchten Unregelmäßigkeiten auf. Irritationen. Wie in jedem richtigen Leben. Dann wollten die Leute plötzlich Bücher haben, von denen ich beim besten Willen nicht verstehen konnte, warum irgend ein Mensch auf der Welt es haben wollen könnte. Ein Titel, der dabei besonders herausstach, war von Marie Kondo – „Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert“.

Ich weiß nicht wie oft ich dieses Buch kommentarlos über den Ladentisch hab gehen lassen in der Hoffnung, dass man mir die leise Verachtung, die ich dabei unweigerlich empfand, nicht anmerken würde. Ich dachte, dass es unzählbar viele bescheuerte Dinge auf der Welt gibt und Menschen auch und dass Marie Kondo und ihr Buch dazu gehören und die, die es kaufen erst recht, da man um Himmels Willen einfach aufräumen soll, anstatt Bücher darüber zu lesen. Es machte sich wirklich regelrechte Empörung in mir breit, sobald jemand dieses Buch auf den Ladentisch legte. Ich hielt es für eine hinterlistige Falle, in die Aufräum-Prokrastinierer nur zu leicht hineinfallen würden und wünschte, sie würden nicht noch mehr Zeit mit dem Lesen dieses bescheuerten Buches verplempern.

Nun. Den heutigen Abend verbringe ich in meiner Dunkelkammer. Sämtliche Kleidungsstücke befinden sich auf eigenwillige Weise gefaltet, stehend im Schrank. Ich bin ausschließlich von Gegenständen umgeben, die ich mag und benötige. Alles hat seinen Ort und seine Aufgabe. Hätte mir jemand vor ein paar Jahren gesagt, dass ich im Spätsommer 2018 magic cleaning betreiben würde und sich daraufhin mein Leben ändert, hätte ich dieser Person vermutlich in den Bauch geboxt und wäre weggerannt.

Wenn man ein tiny house baut und gar nicht bauen kann, muss man sich viele tutorials auf youtube angucken und bekommt dementsprechend viele Videovorschläge zu allem anderen angeboten, was mit tiny houses zu tun hat. Zum Beispiel platzsparend zu leben. Und zu falten. Eines Abends war ich sehr erschöpft. Das kommt öfter mal vor. An dem Abend hielt ich es für eine gute Idee, auf ein Video zu klicken, in dem eine Japanerin Klamotten faltet. Das kam bis dahin noch nie vor. Ich versprach mir einerseits ein wenig geistige Entspannung davon, dabei zuzugucken, wie andere Menschen Dinge in Ordnung bringen, andererseits dachte ich, vielleicht tatsächlich etwas Schlaues für meine Zukunft lernen zu können. Nach einer Stunde konnte ich immer noch nicht aufhören, mir Faltvideos anzugucken. Und am nächsten Tag guckte ich mir noch mehr an. Ich war wirklich besonders erschöpft und die viele Falterei tat mir auf seltsame Weise gut. Da mag jetzt jeder drüber denken was er möchte. Jemals von oddly satisfying videos gehört? Genau das.

Mit einem gewissen Erschauern hatte ich schnell erkannt, dass die Japanerin, mit der mein Faltvideomarathon angefangen hatte, Marie Kondo war. Und dass sie mit ihrer völlig entrückten Art und geradezu surrealen Perfektion ein absolutes Faszinosum für mich darstellte, wie ich mir leider schnell eingestehen musste.

Auf dem Höhepunkt meiner Obsession zeigte ich Uwe Bob ein Video, in dem sie vor einem großen Publikum bei sxsw erklärt, wie man herausfindet, welchen Gegenstand man behält und welchen nicht. Das Kriterium ist eine Frage und diese lautet: Does it spark joy?
Marie Kondo hat sich im Laufe ihrer Karriere offenbar der englischen Sprache ermächtigt und um in dieser Fremdsprache zu sprechen, dafür nimmt sie sich alle Zeit der Welt. Allein das finde ich ziemlich cool. Sie spricht vor einem wirklich nicht kleinen Publikum eine Stunde lang über Aufräumen, mit welchen Worten man sich am besten an seine T-Shirts wendet und dass man beim Falten nicht vergessen soll, die Liebe durch die Handinnenflächen strömen zu lassen, in einer Geschwindigkeit, mit der man normalerweise Kleinkinder oder Trottel zu beruhigen versuchen würde. Uwe Bob fand auf Anhieb die richtigen Worte: „Sie ist sehr ätherisch.“ Da hatte er recht.
Und sie hatte mich in der Tasche.
In den folgenden Tagen hörte ich mir während des Bauens am Häuschen das Hörbuch an. Was mir da zu Ohren kam, war auf vielfältige Weise befremdlich und zeichnete ein schon recht mitleiderregendes Psychogramm dieser jungen Frau, in deren Kindheit die Grundlagen für eine so ausgeprägte Liebe zu Gegenständen zu finden sind, auch wenn diese bei Weitem nicht so analytisch dargestellt werden, wie ich die Schilderungen aufgenommen habe.

Nachdem ich das Hörbuch gehört hatte, folgten 4 Tage Rausch. Es war wohl das erste Mal, dass ich einen Ratgeber gelesen habe und einfach alles gemacht habe, was er empfohlen und angewiesen hat. Im Nachhinein erscheint es mir, dass ich genauso gut unter starkem Drogeneinfluss für 4 Tage in einem Wald verschwunden sein könnte um mein Krafttier zu suchen. In dieser Liga von Trip hat die ganze Angelegenheit jedenfalls gespielt, fantastischerweise vollkommen frei von sämtlichen legalen und illegalen Substanzen. 2 Tage waren von eigentümlicher Euphorie geprägt. Gefolgt von großer Erschöpfung. Gefolgt von Traurigkeit und anderen unheimlichen Gefühlen. Diese Methode hatte eine irrsinnige Eigendynamik entwickelt und eine Katharsis bewirkt, wie man es sich sonst nur erträumen kann. Ich hätte vorher nie geglaubt, dass Bernard Black’s Buchbeschreibung „You’ll laugh, you’ll cry, it’ll change your life!“ für dieses Buch zutreffen würde.

Nachdem ich langsam von meinem Trip zurückkam und mich wieder eingerichtet hatte, mit allem, was übrig geblieben war, befand ich mich innerlich in einer kruden Mischung aus Freude und Erleichterung, Zufriedenheit und Glück, anderseits war mir aber auch sehr unheimlich und befremdlich zu Mute, weil plötzlich alles so dermaßen perfekt war, dass es sich fremd und ungemütlich anfühlte. 2-3 Tage vergingen, in denen ich Hotel- oder Museumsgefühle hatte, weil alles so kuratiert und allzeit bereit aussah, aber danach ging es schnell vorüber und ein nachhaltiges Wohlgefühl setzte ein und hörte bis heute nicht auf und ich glaube, dass es auch niemals wieder aufhören wird.

Der Aspekt, den ich während des Hörbuch-Hörens wohl überhört hatte, war der lebensverändernde. Und den mit der Magie, den hatte ich auch überhört. Wenn mir Leute und Bücher erzählen oder versprechen, etwas würde auf einen Schlag mein Leben auf magische Weise umkrempeln, dann schalte ich in der Regel ab und wende mich lieber vertrauenswürdigeren Dingen zu.

Nun ist es bloß so, dass sich seitdem alles in Bewegung gesetzt hat und die Effekte immer weitere Kreise ziehen. Fluch und Segen gleichermaßen ist es, dass „Aufhören“ nicht zu meinen ausgeprägten Stärken gehört. Das macht mich zwar einerseits zu einer sehr ausdauernden Person, anderseits aber auch zu einer sehr erschöpften. Was mir die Ausdauer dann abverlangt hat, macht die Erschöpfung dann allerdings lohnenswert.

In diesem Zusammenhang konnte ich jedenfalls nicht aufhören, immer weitere Kategorien zu finden, die ich noch einer sparking-joy-session unterziehen könnte. Denn was im Buch nicht steht, ist dass es nach der sentimentalen, offiziell letzten Kategorie noch lange nicht vorbei ist. Da kam dann noch „Menschen“, „Gewohnheiten“, „Überzeugungen“, um nur einige zu nennen. „Musik“ und „Konflikte“. Es ist beliebig erweiterbar.

Seit zwei Wochen nun läuft die Sendung mit Marie Kondo auf netflix und verschleiert erfolgreich die wahre Essenz dieser Wunderkur. Doch es soll mein und euer Schaden nicht sein. Im Gegenteil! Netflix und Marie Kondo sollen machen was sie für richtig halten und in der Zwischenzeit mache ich auch was ich für gut und richtig halte. Und da es gewisse Dinge gibt, die man erleben und machen muss und deren Theorie die Praxis niemals ersetzen können wird, habe ich vor ein paar Monaten beschlossen, dass ich mich zur Marie Kondo-Beraterin zertifizieren lasse. Ich werde KonHasi!

Diese Sache zu machen hat nur Gutes bewirkt und es geht weiter und weiter und weiter. Und wenn mir etwas richtig Gutes passiert, dann will ich, dass das so vielen anderen Menschen wie möglich auch passiert. Ich glaube, ich hab’s einfach begriffen. Ich weiß, alle denken, ja ja, komisch falten so dass alles steht, Minimalismus und so, mit den Socken reden, ich kann doch nicht einfach alles wegwerfen, was soll der Scheiß, aber ich sage: nichts habt ihr kapiert. Aber ich zeig es gerne jedem, der sich einen schmalen Spalt öffnet und sich interessiert.

Ich habe die ganze Sache mit maximaler Überheblichkeit beurteilt und bin wirklich dankbar, dass es sich dennoch seinen Weg gebahnt hat. Kann sein dass ich im Dunkeln leuchte. Kann sein, dass das alles egal ist und ich einfach mit ein paar anderen die Welt in Ordnung bringe.

https://einfachklarheit.de/

 

 

 

 

 

 

 

 

5 Kommentare zu „spark joy item

  1. Gott ich liebe deinen Blog. Es ist schon komisch im Leben… was man am meisten wegstösst bringt Heilung. Irgendwie nach der Art ‚Gift heilt’… die Erfahrung habe ich auch gemacht. Das letzte oder erste Puzzlestück im Leben.

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