spark joy item

Bevor ich auf’s Land gezogen bin, war ich Buchhändlerin. Nicht Buchhalterin und auch nicht in einer Bücherei, sondern eine Buchhändlerin in erst einem und dann einem anderen wundervollen kleinen Buchladen. Dort habe ich mich um Bücher und Menschen, die sie gerne lesen gekümmert. Das war meistens genau so schön wie es klingt. Aber manchmal tauchten Unregelmäßigkeiten auf. Irritationen. Wie in jedem richtigen Leben. Dann wollten die Leute plötzlich Bücher haben, von denen ich beim besten Willen nicht verstehen konnte, warum irgend ein Mensch auf der Welt es haben wollen könnte. Ein Titel, der dabei besonders herausstach, war von Marie Kondo – „Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert“.

Ich weiß nicht wie oft ich dieses Buch über den Ladentisch hab gehen lassen in der Hoffnung, dass man mir die leise Verachtung, die ich dabei empfand, nicht anmerken würde. Ich dachte, dass es viele bescheuerte Dinge auf der Welt gibt und dass Marie Kondo und ihr Buch auf jeden Fall dazu gehören und die, die es kaufen dementsprechend auch, da man um Himmels Willen einfach aufräumen soll, anstatt Bücher darüber zu lesen.

Ein paar Jahre vorgespult: sämtliche Kleidungsstücke befinden sich auf eigenwillige Weise gefaltet, stehend im Schrank. Ich bin ausschließlich von Gegenständen umgeben, die ich von Herzen mag und benötige. Alles hat seinen Ort und seine Aufgabe. Hätte mir jemand vor ein paar Jahren gesagt, dass ich im Spätsommer 2018 magic cleaning betreibe und sich daraufhin mein Leben ändert, hätte ich diesem jemand einen Vogel gezeigt und schnell das Weite gesucht.

Wenn man einen besseren Bauwagen baut und gar nicht bauen kann, muss man sich viele tutorials auf youtube angucken und bekommt dementsprechend Videovorschläge zu allem angeboten, was mit dem Thema auch nur entfernt zu tun hat. Zum Beispiel platzsparend zu leben. Und zu falten. Eines Abends war ich sehr erschöpft. Das kommt öfter mal vor. An dem Abend hielt ich es für eine gute Idee, auf ein Video zu klicken, in dem eine Japanerin Klamotten faltet. Das kam bis dahin noch nie vor. Ich versprach mir einerseits ein wenig geistige Entspannung davon, dabei zuzugucken, wie andere Menschen Dinge in Ordnung bringen, während ich zu müde dazu bin, andererseits dachte ich, vielleicht tatsächlich etwas Schlaues lernen zu können. Nach einer Stunde konnte ich allerdings immer noch nicht aufhören, mir diese Faltvideos anzugucken. Und am nächsten Tag guckte ich mir noch mehr an. Ich war offenbar wirklich besonders erschöpft und die viele Falterei tat mir auf seltsame Weise gut. Da mag jetzt jeder drüber denken was er möchte.

Mit einem gewissen Erschauern hatte ich schnell erkannt, dass die Japanerin, mit der mein Faltvideomarathon angefangen hatte, Marie Kondo war. Und dass sie mit ihrer völlig entrückten Art ein Faszinosum für mich darstellte, wie ich mir schnell eingestehen musste.

Auf dem Höhepunkt meiner Obsession zeigte ich meinem Mitbewohner ein Video, in dem sie vor einem großen Publikum erklärt, wie man herausfindet, welchen Gegenstand man behält und welchen nicht. Das Kriterium ist eine einzige Frage und diese lautet: Does it spark joy?
Marie Kondo hat sich im Laufe ihrer Karriere ein bisschen der englischen Sprache ermächtigt und um in dieser Fremdsprache zu sprechen, dafür nimmt sie sich alle Zeit der Welt. Sie spricht vor einem wirklich nicht kleinen Publikum eine Stunde in einem hochkonzentrierten Schneckentempo lang über Aufräumen, mit welchen Worten man sich am besten an seine T-Shirts wendet und dass man beim Falten nicht vergessen soll, die Liebe durch die Handinnenflächen strömen zu lassen. Mein Mitbewohner fand auf Anhieb die richtigen Worte: „Sie ist sehr ätherisch.“

In den folgenden Tagen hörte ich mir während des Bauens das Hörbuch an. Was mir da zu Ohren kam, war auf vielerlei Weise befremdlich und zeichnete ein im ersten Moment etwas erschreckendes Psychogramm einer jungen Frau, in deren Kindheit die Grundlagen für eine so ausgeprägte Liebe zu Gegenständen zu finden sind.

Nach dem Hörbuch folgten 4 Tage Rausch. Es war das erste Mal, dass ich einfach alles gemacht habe, was in einem Ratgeber empfohlen und angewiesen wurde. Im Nachhinein erscheint es mir, dass ich genauso gut unter starkem Drogeneinfluss für 4 Tage in einem Wald verschwunden gewesen sein könnte und als anderer Mensch wieder herauskam. In dieser Liga spielte sich die Verwandlung jedenfalls für mich ab, fantastischerweise vollkommen frei von sämtlichen legalen und illegalen Substanzen. 2 Tage waren von einer einzigartigen Euphorie geprägt. Gefolgt von großer Erschöpfung. Gefolgt von etwas Traurigkeit und ein paar unheimlichen Gefühlen.

Nachdem ich mich wieder eingerichtet hatte, mit allem, was übrig geblieben war, verspürte ich eine Mischung aus Freude und Erleichterung, Zufriedenheit und Glück, andererseits war aber auch alles etwas fremd , weil plötzlich alles so scheinbar perfekt war. Ein paar Tage vergingen, in denen ich Hotel- oder Museumsgefühle hatte, alles war so kuratiert und allzeit bereit, aber auch das verging und ein nachhaltiges Wohlgefühl setzte ein und hört bis heute nicht auf und ich glaube, dass es auch niemals wieder aufhören wird.

Der Aspekt, den ich während des Hörbuch-Hörens wohl überhört hatte, war der lebensverändernde. Und den mit der Magie, den hatte ich auch überhört. Wenn mir Leute und Bücher erzählen oder versprechen, etwas würde auf einen Schlag mein Leben auf magische Weise umkrempeln, dann schalte ich in der Regel ab und wende mich lieber vertrauenswürdigeren Dingen zu.

Nun ist es bloß so, dass sich seitdem alles in Bewegung gesetzt hat und die Effekte sich automatisch weiter fortsetzen.

Es finden sich immer weitere Kategorien, die ich noch einer sparking-joy-session unterziehen könnte. Denn was im Buch nicht steht, ist dass es nach der sentimentalen, offiziell letzten Kategorie noch lange nicht vorbei ist. Da kam dann noch „Menschen“, „Gewohnheiten“, „Überzeugungen“, um nur einige zu nennen. „Musik“ und „Konflikte“. Es ist beliebig erweiterbar.

Seit Anfang 2019 nun läuft die Sendung mit Marie Kondo auf netflix und verschleiert erfolgreich die wahre Essenz dieser Wunderkur. Doch es soll mein und euer Schaden nicht sein. Im Gegenteil! Netflix und Marie Kondo sollen machen was sie für richtig halten und in der Zwischenzeit mache ich auch was ich für gut und richtig halte. Und da es gewisse Dinge gibt, die man erleben und machen muss und deren Theorie die Praxis niemals ersetzen können wird, habe ich vor ein paar Monaten beschlossen, dass ich mich zur Marie Kondo-Beraterin zertifizieren lasse. Ich werde KonHasi!

Diese Sache zu machen hat nur Gutes bewirkt und es geht weiter und weiter und weiter. Und wenn mir etwas richtig Gutes passiert, dann will ich, dass das so vielen anderen Menschen wie möglich auch passiert. Ich glaube, ich hab einfach wirklich etwas begriffen. Ich weiß, alle denken, ja ja, komisch falten so dass alles steht, Minimalismus, mit den Socken reden, ich kann doch nicht einfach alles wegwerfen, aber ich sage: erst machen, dann urteilen.

Ich habe die ganze Sache mit maximaler Überheblichkeit beurteilt und bin wirklich dankbar, dass sie sich dennoch ihren Weg in mein Leben gebahnt hat und ich von nun an mit ein paar anderen die Welt ein bisschen mehr in Ordnung bringe.

https://einfachklarheit.de/

 

 

 

 

 

 

 

 

5 Kommentare

  1. Gott ich liebe deinen Blog. Es ist schon komisch im Leben… was man am meisten wegstösst bringt Heilung. Irgendwie nach der Art ‚Gift heilt’… die Erfahrung habe ich auch gemacht. Das letzte oder erste Puzzlestück im Leben.

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