Mein Häuschen.

„Un wie weit biste mit dein Haus?“ „Schick mal Fotos!“ „Was macht das Haus?“ „Steht das Haus noch?“ Steht das Haus schon?“

Eigentlich bräuchte ich dieses Jahr einen Pressesprecher.

Mein Häuschen steht und es hat sein Etappenziel für vor dem Winter erreicht: Das Dach ist dicht und fest, die Fassade ist fast komplett dran und hat einen ersten Anstrich. Einziehen lässt sich offensichtlich noch nicht und über den Winter baue ich weiter. Am 15. Juni 2019 mache ich eine Einweihungsparty, egal was dann ist.

Angesichts der Tatsache, dass ich vorher noch nie auch nur irgendetwas gebaut habe, nur sehr wenige tausend Euro gespart hatte und so insgesamt bisher nicht unbedingt den Bauhelm aufhatte im Leben, kann ich nur schwer glauben, dass da wirklich diese Kiste im Garten steht und ihren Charme versprüht. Ich kann auf dem Dach stehen und runterspucken. Ich mache das nicht, weil das irgendwie blöd wäre, aber es geht und darum geht’s ja, die unbegrenzten Möglichkeiten des Spuckens von Dächern. Auch ziemlich unglaublich ist, dass das alles nur ein Projekt von dreien war/ist. Schließlich hatte ich im Frühjahr meinen neuen Job angefangen und die Sache mit dem Garten und der Selbstversorgung sollte auch nicht leiden.

Aber das wohl Allerunglaublichste an der ganzen Geschichte ist, dass ich einen so tollen Freund habe, der mir so maßgeblich geholfen hat, dass ich ohne seine Mitarbeit zwar vielleicht auch etwas ungefähr Viereckiges im Garten stehen hätte, in dem ich mich aber niemals ohne Schutzhelm hätte aufhalten dürfen. Und nein, der Mann will mir nicht an die Wäsche, der hat schon eine Freundin! und was für eine. Die steht ihm in kaum was nach. Er war von Anfang an dabei und da, ansprechbar und zuverlässig. Er hat nach meinen kryptischen Zeichnungen einen Plan am Computer erstellt, Materiallisten angefertigt, Arbeitspläne entworfen, Tipps und Hinweise gegeben, recherchiert, überlegt, getüftelt und Lösungen für jedes Problem gefunden. Er hat mir sein ganzes tolles Werkzeug geliehen, gezeigt wie man es benutzt und mit höchster Präzision und Hingabe schwindelerregende Holzverbindungen gebaut. Selbst ein erheblicher Schicksalschlag hat seiner Treue keinen Abbruch getan. Er hat mich beraten, Ständerwerksrahmen hochgezogen, alleine, bei denen ich dachte, dafür braucht man einen Kran. Er hat mich auch mal angemaunzt, weil ich das Gegenteil von ihm bin und das natürlich anstrengt, aber so insgesamt, ernsthaft, mir kommen fast die Tränen wenn ich daran denke wie cool dieser Typ ist.

Als ich entschieden habe, dieses Häuschen zu bauen, hatte ich nicht besonders viel Geld dafür und keinen blassen Schimmer von gar nichts. Aber ich hatte den unbedingten Willen, etwas zu machen, was meistens nur Menschen mit finanziellem Vorsprung vorbehalten ist und machen. Mir haben so viele Menschen geholfen, auf so vielfältige Weise. Und diese Erfahrung ist für mich eine der wertvollsten, die ich bisher überhaupt in meinem Leben gemacht habe.

Mit Uwe-Bob fing alles an. Wir haben zusammen airdreaming im Garten und in der Stube und überall sonst gemacht. Er hat mir den Platz und die Möglichkeit gegeben und ein entscheidendes „Ja.“ gesagt. Das „ja“ bezog sich 2017 auf meine unsichere Frage an ihn, ob er glaubt, dass ich mit 4000€ so ein Häuschen bauen kann. „Ja“ war natürlich und selbstverständlich prompt gelogen, aber ich wollte es glauben, weil ich nunmal unbedingt wollte. Und ich glaube, Uwe-Bob hat auch dran geglaubt. Bloß waren die Umstände und Fähigkeiten dazu etwas anders in seinem Kopf.

Dass ich im Anschluss daran ausgerechnet den schlimmsten all meiner Exfreunde gefragt habe, ob er mir hilft und mein Ansprechpartner sein kann, der ebenfalls mit „ja“ geantwortet hat, war nicht minder naiv von mir und doppelt gelogen von ihm. Immerhin gibt es keine Person, die mir ihre Unzuverlässigkeit und Unverbindlichkeit jemals intensiver demonstriert hat, als dieser Mann. Aber auch er hat mir geholfen und dafür bin ich ihm dankbar. Ernsthaft und ehrlich. Dieses Rätsel mit der Unzuverlässigkeit klärt sich dann vielleicht mal an irgendeinem Grab. Hoffentlich.

Aber die beiden haben mir mit ihren beiden Jas den Weg frei gemacht und das war entscheidend. Und über meine Naivität bin ich auch froh, denn ohne sie stünde da kein Häuschen. Frau Eckbert sprach kürzlich von „gesunder Naivität“. Das hat mir gut gefallen. Ich bin mit einer gesunden Naivität gesegnet, ohne die ich die größten Abenteuer niemals erlebt hätte. Was für ein Glück!

Weit über 20 Leute haben sich zurückgemeldet und mir ihre Hilfe zugesagt, als ich vor fast einem Jahr gefragt habe, wer Lust hat, mir beim Bauen zu helfen. Jede Zusage hat mich ermutigt und mir Zuversicht und Kraft gegeben, dass manche Menschen eben Geld haben und für sich arbeiten lassen, aber ich dafür tolle Menschen kenne und meine Freunde nennen darf (und die für mich arbeiten lasse!) Dass auch diese Rechnung nicht völlig glatt so aufgeht, weiß ich jetzt zwar auch, aber das Wichtige daran ist, dass die Grundidee trotzdem stimmt. Zwar hat sich von all den Zusagern nur noch knapp die Hälfte gemeldet, als es konkret wurde und auch von der Hälfte der Konkreten brach nochmal die Hälfte weg im Laufe der Zeit, aber an ihrer Stelle tauchten die unerwartetsten Überraschungshelfer auf und haben für ganz besondere Freude gesorgt, wie man sich vorstellen kann. Manchmal bin ich durch den Garten getrapst und dachte, dass diese verdammten Kalendersprüche eben doch einfach ALLE WAHR SIND! Immer wenn mir richtig richtig schwarz vor Augen und zumute und generell ums Herz wurde, kam ein Lichtlein irgendwo her! Hat mir Kakao gemacht, sich die Schulter vollheulen lassen, hieß Frank und hat sich todesmutig seiner Höhenangst gestellt, war eine bis dahin unbekannte Frau, die einfach Lust hatte mitzumachen, hieß Erwin und hat mal kurz das gesamte Material in die Scheune gegabelstapelt und kam in Form eines 9-köpfigen Chores und hat ganz viel Material aus der Scheune an Ort und Stelle gebracht.

Mal ganz zu schweigen davon, wie unfassbar gut dieses Dorf ist, in dem ich lebe! Frau Pikant tischte für meine helfenden Gäste auf, auf der Terrasse trippelte Willi, das kleine Schwein. Zu wenig Schraubzwingen? Zum Nachbarn, schon gibt es genug. Keine Ahnung wo die Stichsäge ist, gibt’s beim anderen Nachbarn. Gasflasche leer einen Meter bevor das Dach dicht ist? Schraubzwingennachbar hat noch ne Flasche.

So funktioniert das! Nämlich wunderbar!

Und dann waren da all diese fleißigen Helferlein, die getragen, gesägt, gestechbeitelt, geschraubt, gebohrt, gerechnet, gehalten, gehämmert, geklebt und geflucht haben. Die mich zutiefst beeindruckt und verblüfft haben. Auf Leitern draufgestiegen, von Leitern runtergefallen sind, sich Schienbeine nachhaltig demoliert haben und schwere Bretter auf ihre Füße fallen ließen, sich leicht ansägten oder anschraubten. Sehr viele haben ihre Höhenangst bezwungen.

Und alle haben mir geholfen, meine Moral über Wasser zu halten, bei all den kleineren und größeren absehbaren Krisen, die dieses Projekt für mich bereit gehalten hat und vermutlich auch noch ein paar im Lager bevorratet.

Ich kann nur hoffen, dass alle, die mir bisher geholfen haben, eine gute Zeit damit verbracht haben und danke allen für alles aus der Tiefe meines Herzens.

Ich habe sehr viel gelernt. Gefühlt habe ich mehr gelernt, als in das Internet hineinpasst. Ich weiß etwas besser über Erwartungen und Enttäuschungen Bescheid. Und über Dankbarkeit. Ich kann fast grade sägen und ein bisschen besser denken. Ich kann Zapfen und Schlitz, stechbeiteln und bohren, schrauben und tackern, kleben und nageln, youtube-tutorials angucken und das gesamte Dachrinnen-Kit nachkaufen, ich war so oft im Baumarkt, dass ich immernoch ein bisschen verknallt in den Typen an der Kasse bin, aber ich glaube er ist erst 21, ich habe beruhigenderweise festgestellt, dass andere Menschen den Winkel auch 3-7 mal drehen müssen, bis sie ihn richtig anlegen, ich habe gelernt, erst zu denken und dann zu fragen, Hilfe anzunehmen, Lösungen zu finden, mich zu überwinden und über mich hinauszuwachsen.

Aber im Gegensatz zu meinem Lernpensum hat dieses Brandenburger Fenster keine unbegrenzten Kapazitäten. Ja. So sieht es also mit meinem Häuschen aus.

 

 

 

 

 

 

 

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