1 Exkurs: schralle

Auch mit 36 Jahren kann mir meine Mutter noch Wörter beibringen. Diesen Sommer hat sie das Rätsel gelöst für das Gefühl im Mund, das das Verspeisen von Mangold, manchem Gebäck und Zimtschnecken, Rhabarber und Spinat auslöst. Manche sagen „pelzig“, das trifft aber für mich nicht zu, sondern eher „trocken quietschig“.
Um so dankbarer war ich, als meiner Mutter das Wort „schralle“ entfuhr, als ich ihr mühselig mein Missempfinden mit dem Mangold erklärte. „Das heißt schralle.“
Dieser liebliche Moment, wenn es plötzlich eine Bezeichnung für ein Phänomen gibt, das bis dahin nur unzureichend beschreibbar war.
Somit war nicht nur mein neuer Punkname geboren, sondern noch viel mehr, denn schralle ist nicht nur das Mangoldgefühl im Mund und ein guter Punkname, es handelt sich auch um eine psychische Verfassung.

Warum erzähle ich das alles. Weil ich heute beim Jobcenter war. Und da war ich, weil aus meinem Job ein Minijob gemacht wurde.
Ich traf Frau N. heute zum ersten Mal und wie eigentlich alle Mitarbeiter in ihrer Branche hier machte sie einen freundlichen Eindruck auf mich. Darum habe ich ihr auch einen Schokoriegel geschenkt. Der kam ihr bestimmt gerade richtig, denn bei Betreten des Raumes hing noch der Geruch von Wurstbrot in der lauwarmen Computerluft und da hat sie sich sicher über Nachtisch gefreut.

Frau N., die hat einen Computer und in dem steht mein Name und der soll da raus und zwar so schnell es geht. Das habe ich ganz unmissverständlich vermittelt bekommen.
Frau N. hatte viele Fragen.
Warum ich denn hierher gezogen sei. Das fragen mich viele und zwar aus ehrlichem Interesse, aber Frau N. war nicht aufrichtig neugierig, ihr Lächeln war gequält und ihre Augenbrauen verschränkten sich, wenn sie mich ansah.  In Berlin gäbe es doch genug Arbeit, aber hier doch nicht. Wo ich denn herkäme, ob ich denn nicht dahin zurück wolle, in den Westen, da gibt’s doch sicher mehr Arbeit. Ich sei doch ungebunden, wenn man Familie hätte, da könne sie ja verstehen, dass man irgendwo mit Garten sein will, aber ohne Kinder, so gut ausgebildet, ich müsste der Welt doch was zu geben haben, anstatt dort vor ihr zu sitzen.
Da sank in mir innerlich alles zusammen und richtete sich gleichzeitig fürchterlich auf. So fühlt sich schralle als psychische Verfassung an.
„Never explain, never complain“ erinnerte ich mich.
Eine Figur, die man oft üben muss, bevor man sie beherrscht und sicher ausführen kann. Übungsmaterial bekommt man überall zugeworfen.

Ich strich mir das eh schon sehr glatte Haar nochmal glatter und wiederholte im Stillen, was gerade eigentlich passiert war.

Frau N. hatte mir ihre Not mitgeteilt, die ich ihr mit meiner Anwesenheit bereitete. Sie wollte mir sagen, dass ich ihrer Ansicht nach da leben sollte, wo es Arbeit gibt. Das könnte mit meiner vermeintlich guten Ausbildung von ihr aus auch ohne Familie in Berlin, oder in Ostwestfalen bei den Eltern sein. Aber bitte nicht hier vor ihr sitzen, ihr Weltbild durcheinanderbringen und die Statistik in ihrem Computer belasten.

Ich wurde ganz still.

Und auch wenn es sich im ersten Moment so anfühlt, so muss ich in Wirklichkeit gar nicht einer wildfremden Frau meine persönlichen Lebensentscheidungen zu erklären. Warum mir die Stadt nicht gut tut, warum ich nicht da geblieben bin wo ich herkomme, warum ich nicht dorthin zurück möchte wo ich schon gewesen bin, warum ich studiert habe und trotzdem keinen gutbezahlten Job habe.

Ich wünsche mir, dass meine persönlichen Lebensentscheidungen kommentarlos akzeptiert und respektiert werden. Besonders an offizieller Stelle, wo mich niemand kennt und ich auch niemanden und man also gar nichts voneinander weiß und sich schon allein deswegen besser nicht zu weit unsachlich aus dem Fenster lehnen sollte.

Wenn Unterstützung angeboten wird, sollte sie einfach in Anspruch genommen werden können. Ohne demoralisierende Untertöne und Gewissensbisse. Wenn es bedingungslos nicht geht, muss ein Schild aufgestellt werden auf dem steht: „Unterstützung nur, wenn bewiesen werden kann, dass Sie sich nicht selbst in diese dumme Lage gebracht haben.“

Nicht wirklich beabsichtigt gehöre ich gleich zu mehreren Gruppen, die sich in der Minderheit befinden. Minderheiten stellen nicht die Norm dar. Beide haben ihre Schwierigkeiten. Die Norm fühlt sich latent bedroht von den Minderheiten. Die Minderheiten möchten meist nur friedlich koexistieren. Wenn die beiden dann mal aufeinandertreffen, kann die Konfrontation zweier fremder Weltbilder einiges an Unbehagen auslösen.

Und eine überwiegend herrenlose Frau ohne Kinderwunsch, die dem Alkohol abgeschworen und ihr Leben der Verhinderung der Apokalypse und der kompromisslosen Umsetzung ihrer Ideen verschrieben hat, löst einiges an Unbehagen aus, auch wenn es mir das Natürlichste auf der Welt zu sein scheint. Das muss ich immer umsichtigerweise im Kopf behalten.

 

 

 

 

2 Kommentare

  1. „For this I still have to learn to distinguish real questions from wrong questions.“ I’m 40 and this is just starting to resonate. I’m trying to discover the most eloquent response. Do you think „That’s personal and reserved for those in my inner circle.“ sound good enough?

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    • Hi noranoir,
      I am also always looking for eloquent and general answers to all kinds of intruding questions, comments and unfortunate incidents with other people. May they be sexist, too personal or inappropriate in one or the other way. I would love to have a list with answers i can use for varios situations one day, but I am still working on that.
      The good thing is, that some not excuseable effronteries keep popping up in more or less the same way over and over again, like getting sexist comments on the street, your body being judged being pretty or ugly. Whatever part of your body is getting commented, you can react the same way: „Nobody has been asking for your opinion. And I dont wanna hear it either. i am also not making comments about your beard or your belly. Learn to show some respect.“ This can be said in a neutral tone and often showed interesting effects. I got excuses or just, yes, some sudden respect. Its always worth it to stand up for yourself and defend yourself, but its most effective in a neutral way, not in any state of excitement.
      Being blindsided makes this even more difficult. Inappropiate questions or comments usually are asked and made usually very fast and need a quick response. Feeling quickly offended and provoked, I often kind of helplessly try to mumble and stumble my way out in an aggressive and angry way. But sometimes I manage to get out some useful sentences now. Its all about practicing.
      I told the lady that the reasons for my decision were ideed very personal. Usually people back off at least a bit when you use the word „personal“, so it is very very helpful and can be used as soon as you get the feeling that something/someone is going too far and crossing your lines. We get lots of chances to practice to identify the difference between wrong and real questions. If you identify a question as wrong, you can simply reply by asking back, if this is a real question. If it is, you will be happy to answer it, if not, the person may stick to the answer he or she has given himself already long time before.

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