1 Exkurs: schralle

Auch mit 36 Jahren kann mir meine Mutter noch Wörter beibringen. Diesen Sommer hat sie eine Lücke gefüllt für das Gefühl im Mund, das das Verspeisen von Mangold, manchem Gebäck und Zimtschnecken, Rhabarber und Spinat bei vielen Menschen und auch mir auslöst. Manche sagen dazu „pelzig“, was bei mir aber nicht zutrifft, sondern „mit der Zunge auf den Zähnen quietschen können“ und da passt kein Pelz hinein ins Bild.
Um so dankbarer war ich, als meine Mutter aufblickte und ihrem Mund einfach das Wort „schralle“ entfuhr, als ich mühselig meine Zwickmühle mit dem Mangold erklärte. „Das heißt schralle.“
Ich habe mich gehütet, das Internet zu befragen, denn hier geht es nicht um die Be- oder Widerlegung der Richtigkeit eines Wortes, sondern um die Schönheit des Moments, wenn es plötzlich eine Bezeichnung für ein Phänomen gibt, das bis zu diesem Moment nur unzureichend umschreibbar war. Und auch wenn diese Einleitung es nicht nahelegt, ich bin ein Fan effizienter und klarer Sprache.
Somit war nicht nur mein neuer Punkname geboren (www.punkname.de empfehle ich jedenfalls, Schralle aufzunehmen), sondern noch viel mehr, denn schralle ist nicht nur das Mangoldgefühl im Mund und ein guter Punkname, es handelt sich auch um eine psychologische Verfassung. Und wenn man das Quietschen auf das gesamte Befinden übersetzt, Fingernägel über Tafel, dann ist man schralle.
Warum erzähle ich das alles. Weil ich heute beim Jobcenter war. Und da war ich, weil sich ein paar Leute nicht anders zu helfen wussten mit ihrer Wirtschaftlichkeit, als u.a. aus meinem Job einen Minijob zu machen. Was ich eigentlich begrüße, weil ich dann mehr Zeit habe, mein Häuschen zu bauen und es trotzdem zwischendurch noch mal auf’s Klo schaffe und mich besser um mein Essen kümmern kann, das im Garten wächst. Aber Frau N., die hat einen Computer und in dem steht mein Name und der soll da raus und zwar so schnell es geht. Das habe ich ganz unmissverständlich übermittelt bekommen. Bei meiner Ausbildung!
Ich traf Frau N. heute zum ersten Mal und wie eigentlich alle Mitarbeiter in ihrer Branche hier machte sie einen freundlichen Eindruck auf mich. Darum habe ich ihr zum Abschied auch einen Schokoriegel geschenkt. Der kam ihr bestimmt gerade richtig, denn bei Betreten des Raumes hing noch der Geruch von Wurstbrot in der lauwarmen Computerluft und da hat sie sich sicher über Nachtisch gefreut nach meinem Weggang.
Ich hab ihr also den Schokoriegel gegeben, obwohl sie mich zwischendrin ganz schralle gemacht hat. Frau N. hatte viele Fragen.
Warum ich denn hierher gezogen sei. Das fragen mich ja viele, und die meisten fragen es aus ehrlichem Interesse und reiner Neugier, aber bei Frau N. schwang so eine Art Vorwurf mit, mit gequältem Lächeln, das keins ist. In Berlin gäbs doch genug Arbeit, aber hier doch nicht. Wo ich denn herkäme, warum ich nicht dorthin zurückginge, im Westen, da gibts doch auch sicher mehr Arbeit. Ich sei doch ungebunden, wenn man Familie hätte, da käme es ihr ja noch in den Sinn, dass man irgendwo mit Garten sein will, und könnte ja auch sein, dass ich mich wegen so gebunden-ungebunden-Sachen aus dem Staub gemacht hätte in Berlin, aber alles in allem, ungebunden, so gut ausgebildet, ich müsste der Welt dementsprechend doch was zu geben haben anstatt dort vor ihr zu sitzen.
Da sank in mir innerlich alles zusammen und richtete sich fürchterlich auf gleichzeitig. Schralle.
„Never explain, never complain“ habe ich kürzlich irgendwo gelesen und es ist in meinem Kopf hängengeblieben im Gegensatz zu den abertausenden Sprüchen die einen von T-Shirts, Wohlfühlwohnzimmerschildern und Bildschirmen Befehle erteilen.
Sich weder zu erklären, noch zu beschweren und beides niemals, hat Eindruck hinterlassen, weil ich mit bedrückender Regelmäßigkeit in einen Zustand von Erklärungsnot gerate und der Beschwerdeknopf stets gut geölt und demnach immer schnell gedrückt ist bei mir. Never explain, never complain, scheint mir eine erstrebenswerte Haltung zu sein, momentan allerdings eher noch wie eine Art Figur die man lange üben muss, bevor man sie beherrscht und sicher vorführen kann.
Diese als Fragen getarnten Vorwürfe und dieser eigentlich völlig impertinente Verbalfluss von Frau N. haben nicht auf Antworten von mir abgezielt, sondern auf Rechtfertigungen und die Vermittlung ihrer Not die ich ihr bereite, weil ich doch gefälligst mit meiner guten Ausbildung und ohne Familie in Berlin oder Westfalen bei den Eltern sein soll, wenns mit der eigenen Familie nicht klappt, anstatt ihr Weltbild durcheinanderzubringen und das Leben schwer zu machen, da vor ihr sitzend und ihre Statistik im Computer belastend.
Und ich denke: Ich habe keinen Bock einer wildfremden Frau meine persönlichen Lebensentscheidungen zu erklären, warum mir die Stadt nicht gut tut, warum ich nicht da geblieben bin wo ich herkomme, warum ich nicht dorthin zurück möchte, warum ich studiert habe und trotzdem keinen gutbezahlten Job habe. Vielleicht macht es so borstig, weil es an unangenehme Abendessen im Elternhause mitsamt Erklärungsnot erinnert. Es geht ja nicht darum, Frau N. oder damals meinen Eltern die Funktionsweise der aktuellen Welt zu erklären und dann gibt es ein tieferes Verständnis für meine Lebensentscheidungen. Die Bereitschaft zu verstehen, ist nämlich in Wirklichkeit nicht richtig vorhanden. Es geht darum, dass ich meine persönlichen Lebensentscheidungen schlicht und einfach völlig unangetastet und kommentarlos akzeptiert und toleriert wissen will. Und da noch nicht stop, nicht nur meine persönlichen Lebensentscheidungen, sondern meine gesamte Person.
Außerdem geht es darum, dass Unterstützung, egal in welcher Form, kommentarlos gegeben werden sollte, wenn sie angeboten wurde, zur Verfügung steht, berechtigt in Anspruch genommen werden darf, ohne demoralisierende Untertöne und Gewissensbisse ins Unterbewusste abschießend.
Unfreiwillig gehöre ich zu einer Personengruppe, die viele Fragen gestellt bekommt, die häufig keine echten Fragen, sondern, wie im Fall von Frau N., getarnte Vorwürfe oder andere Formen von Kritik sind.
Oder vielleicht auch nur Ausdruck von Unbehagen gegenüber jemandem, der andere Menschen mit kleinen Abnormitäten konfrontiert und damit schlechte Gefühle auslöst.
Im Gegensatz zur Zeit meiner Pubertät würde ich heute manchmal nichts lieber als normal sein.
Denn dann bekäme ich all diese falschen Fragen nicht. Warum ich denn keine Kinder will, ich sei doch schließlich eine Frau. Warum ich keinen Alkohol trinke. Warum ich keinen Mann habe. Warum ich Spülmaschinen nicht mag.
Ich bin unheimlich müde davon und diese Müdigkeit wird mir wahrscheinlich helfen, die Figur des nicht mehr Erklärens zu meistern. Dazu muss ich noch lernen, echte Fragen von falschen Fragen zu unterscheiden. Aber dann werde ich eines Tages ein wundervolles kleines Ballett aufführen sobald ich eine falsche Frage aufdecke.
Denn wenn man auf falsche Fragen ehrlich wie auf echte antwortet, kann man genauso gut die Zeit nutzen und ein Eis essen gehen und den Fragesteller in der Welt lassen, aus der er sich offenbar ohnehin nicht herausbewegen möchte. Was auch völlig ok ist, ich möchte mich aber nicht in seine hineinziehen lassen müssen. Lieber Eis essen und sich die Gedanken schön kauen, nachdem man sich ärgern musste, weil die ehrliche Antwort lange dauert und Offenheit erfordert und Zeit und Offenheit sind rar. Ehrliche Antworten für die, die es wirklich wissen wollen. Aber jetzt brauche ich erstmal eine ehrliche Antwort darauf, warum neben meinem Bett tausende kleiner Fliegen fliegen und mir das alte Haus keinen reizvolleren Spuk nachts schickt.

2 Kommentare zu „1 Exkurs: schralle

  1. „For this I still have to learn to distinguish real questions from wrong questions.“ I’m 40 and this is just starting to resonate. I’m trying to discover the most eloquent response. Do you think „That’s personal and reserved for those in my inner circle.“ sound good enough?

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    1. Hi noranoir,
      I am also always looking for eloquent and general answers to all kinds of intruding questions, comments and unfortunate incidents with other people. May they be sexist, too personal or inappropriate in one or the other way. I would love to have a list with answers i can use for varios situations one day, but I am still working on that.
      The good thing is, that some not excuseable effronteries keep popping up in more or less the same way over and over again, like getting sexist comments on the street, your body being judged being pretty or ugly. Whatever part of your body is getting commented, you can react the same way: „Nobody has been asking for your opinion. And I dont wanna hear it either. i am also not making comments about your beard or your belly. Learn to show some respect.“ This can be said in a neutral tone and often showed interesting effects. I got excuses or just, yes, some sudden respect. Its always worth it to stand up for yourself and defend yourself, but its most effective in a neutral way, not in any state of excitement.
      Being blindsided makes this even more difficult. Inappropiate questions or comments usually are asked and made usually very fast and need a quick response. Feeling quickly offended and provoked, I often kind of helplessly try to mumble and stumble my way out in an aggressive and angry way. But sometimes I manage to get out some useful sentences now. Its all about practicing.
      I told the lady that the reasons for my decision were ideed very personal. Usually people back off at least a bit when you use the word „personal“, so it is very very helpful and can be used as soon as you get the feeling that something/someone is going too far and crossing your lines. We get lots of chances to practice to identify the difference between wrong and real questions. If you identify a question as wrong, you can simply reply by asking back, if this is a real question. If it is, you will be happy to answer it, if not, the person may stick to the answer he or she has given himself already long time before.

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