Reduktion exzentrisch.

Und nun, die Nachrichten: Ich habe einen neuen Job. Nächste Woche kommen all die Einzelteile, aus denen sich ein Häuschen bauen lässt. Das Wetter hält den Atem an und die Vorzieher auf der Fensterbank neigen sich bereits dem Tode zu. Witek trinkt gerne aus Gießkannen.

In meinem neuen Teilzeitjob in einem nahgelegenen Gästehaus gehe ich seit einer Woche meinem leichten Sekretärinnendaseinsfetisch nach. Mit Papier rumrascheln, schnelle, wichtige Notizen mit tollen, verschiedenen Stiften machen, eine freundliche Stimme am Telefon haben und mit bunten Nägeln auf einer Tastatur rumklappern. Außerdem Gäste empfangen und machen, dass sie sich wohl fühlen. Das find ich gut.
Das Gästehaus gehört zu einem Wohnverbund für psychisch kranke Leute. Ich kann also ganz entspannt und einfach ich selbst sein. Ein paar Mal in der Woche kommen ein paar von ihnen rüber und machen Hilfsarbeiten, zu denen ich sie anleiten muss. Bisher leiten sie mich besser an als umgekehrt, aber ich bin ja auch noch brandneu. Einer von ihnen erzählt gerne unvermittelt Witze. Es scheint, als hätte er zu wirklich jeder Situation einen passenden Witz parat. Obwohl ich generell die wenigsten Witze witzig finde, muss ich bei ihm allein über die Tatsache lachen, dass ihm zu den seltsamsten Situationen einer einfällt. Wenn ich in neuen, potenziell stressigen Situationen bin, in denen ich nicht weiß, wann ich das nächste Mal etwas zu essen bekomme, aber weiß, dass es einen Wasserkocher gibt, statte ich mich oft mit einer 5-Minuten-Terrine aus. Das hat etwas irgendwie sehr trauriges und schäbiges an sich von außen betrachtet, aber etwas sehr tröstliches für mich innerlich. Der Witzemann sah mich jedenfalls in meinen Nudeln in Rahmsoße rumrühren und stieß ohne Vorwarnung hervor: „Treffen sich zwei Kannibalen. Der eine trägt ne Urne unterm Arm. Fragt der andere: Was haste denn da? Sagt der andere: Ne 5-Minuten-Terrine!“ Hab extra nochmal auf schlechtewitze.de nachgelesen. Geht wirklich so.

Ein anderer braucht manchmal ziemlich lange, bis er sich endgültig verabschieden kann, weil er vorher so viele elektrische Geräte zu kontrollieren und Kreuzchen auf der Hand zu machen hat. Seine Disposition ist in einem Gästehaus vielleicht gar nicht so unnütz, wenn es öfter Gäste gibt wie die Gruppe, die in der vergangenen Woche grundsätzlich alle Lichter anließ, von offenen Fenstern, Türen (!) und voll aufgedrehten Heizungen ganz zu schweigen, und selbst der Fernseher nach der Abreise noch lief. Was der eine zu viel hat, hat der andere zu wenig. Die Welt war noch nie gerecht.
Heute kam ein neunzigster Geburtstag an. Eine alte Dame „stieg“ aus dem Auto und brachte gequält hervor, dass sie erkältet und am liebsten zuhause geblieben sei. Eine etwas jüngere Dame neben mir zischte mir daraufhin ins Ohr, dass sie immerhin ihretwegen alle hier seien. Das wird sicher auch ein schönes Wochenende. Bin schon gespannt, wie die Stimmung ist, wenn ich Montag komme!
Nachdem ich über ein Jahr lang frei über meine Zeit verfügen konnte, macht sich in mir nun eine leichte innere Empörung breit, dass fortan 23 Stunden meiner Woche nicht mehr frei verfügbar sind.
Insgesamt bin ich aber stolz und glücklich, so schnell einen Job im finsteren Osten gefunden zu haben, dessen Anforderungen einem Teil meiner Neigungen entspricht und von dem ich kleinschrittig all die Schulden zurückzahlen kann, die ich mir Dank meines ambitionierten Bauprojekts selbst noch verursachen werde.

Speaking of ambitioniertes Bauprojekt. Diese Woche kleckerten die ersten Pakete für die Unterkonstruktion meines Häuschens ein, die der dauerhaften Stabilisierung dienen sollen. Und ich habe 4627,02€ ausgeben. Ich finde es ja immer gut, die Dinge beim Namen zu nennen. 4627,02. Ich habe noch nie so viel Geld an einem Stück ausgegeben. Geschweige denn gehabt. Ich habe in den wenigsten Monaten meines Lebens einen 4-stelligen Nettobetrag auf mein Konto überwiesen bekommen, damit wir alle wissen, in welchen Kreisen wir uns hier bewegen. Das war also sehr aufregend. Diese 4627,02 werden im Laufe der kommenden Woche geliefert und werden in der Scheune des Gutshauses untergebracht. Dazu wird sich vielleicht nochmal derselbe Betrag gesellen. Ich warte ab, tue was ich kann und schlafe ruhig.
Als Uwe-Bob und ich vor einem knappen Jahr angefangen haben, von einem tinyhouse im Garten zu fantasieren, hatte ich wie auch immer 4000€ gespart und ihn gefragt, ob ich davon so ein Ding bauen kann. Er hat ja gesagt und das war natürlich glatt gelogen. Ich bin ihm trotzdem sehr dankbar dafür, weil es sonst einfach nicht passiert wäre. Wenn mein lieber Freund Tony-Montana nicht gesagt hätte, dass er mir hilft und ich mit allen Fragen zu ihm kommen könnte, hätte ich es ebenfalls nicht gemacht. An Stelle von Tony-Montana ist zwar nun der tolle Jan gesprungen, was meine vielen Fragen angeht und die komplette Planung angeht, aber ohne diese Initiationszündung wäre auch das einfach nicht passiert. Ich empfehle also jedem, sich mit leicht bis stark größenwahnsinnigen Menschen zu umgeben, wenn jemand Hilfe benötigt, Träume in die Wirklichkeit zu transportieren. Und sich dann an jemanden wie den tollen Jan zu wenden, weil man sonst vermutlich erschlagen wird, spätestens von Balken, wenn das Haus zusammenbricht.

Uwe-Bob wunderte sich über die wilde Papierlandschaft, über der ich die letzten anderthalb Wochen hing, Bleistifte zerkaute und den Taschenrechner bediente. „Ich versteh gar nicht was du da so viel rechnest. Ich würd einfach Holz kaufen und anfangen zu bauen.“ Klar, ich könnt mir auch ein Schaf vom nächstbesten Exklusivschafhändler kaufen und einfach anfangen zu stricken! Und zwar einen Overall mit Rollkragen, Zopfmuster und einem lesbaren Gedicht! Eine Sache ist Geld haben, oder nicht viel davon haben. Ahnung haben oder keine, die andere.
Noch weit entfernt vom tatsächlichen Häuschen bin ich bereits so dankbar für alles, was ich in Bezug darauf gelernt habe, dass es sich bereits gelohnt hat.
Zum Beispiel neue Wörter. Wenn mir etwas oder jemand neue Wörter beibringt, berührt das mein Herz grundsätzlich sehr.

Hier eine neue Rubrik. Die Baustoff-Poesie:

Steckmuffen, vorkörnen, Porenbeton, Erdungsband, Streckmetall begehbar, Schlagschnurgerät, Noppenbahn, Überschiebmuffe, Pulverkomponente, Muffenstopfen, Edelputzkratzer, Saalbesen aus Arenga und Elaston, Reaktivabdichter, Übergangsrohr exzentrisch, Reduktion exzentrisch, Lippendichtring, Schmiernippel, Schraubensicherungslack, Augenschrauben und Fitabufelibi. Soweit erstmal.

Befremdlich ist die Erkenntnis, dass viele dieser Wörter auch eine vermeintlich sexuelle Konnotation haben könnten, vielleicht habe ich aber auch nur zu lang in dieser perversen Stadt gelebt. Oder Welt. „Reduktion exzentrisch“ gibt mir besonders zu denken. Nicht in sexueller Hinsicht, sondern in lebensphilosophischer. Könnte aber auch eine potenziell unangenehme neue Band sein. Isolation Berlin, Männlich ungebunden oder zugezogen, oder wie die heißen. Auch das Erdungsband löst großes Interesse aus, für Momente allzu großer Aufregung. So wie Bachblütengumminotfalldrops. Bei all der Kohle, die ich jetzt ausgeben muss, ist so eine Rolle Erdungsband sicher auch noch drin. Wenn ich dann in wenigen Wochen im Begriff bin, einen Nervenzusammenbruch zu erleiden, fächel ich mir etwas warme Frühlingsluft zu, während ich langsam zu Boden sinke und stoße leise hervor „….mein Erdungsband!….ist in meiner Handtasche neben dem Fön!….Schnell….!“ Zack zwei Streifen über’s Herz oder die Stirn geklebt und schon läuft die Maschine wieder.

Als jemand, der sich wie die meisten nicht leicht damit tut, Hilfe anzunehmen, ist dieses Projekt mein größtes Lehrwerk.
Es werden sicher einige Rollen Erdungsband draufgehen, wenn ich es mir recht überlege.

 

 

 

4 Kommentare

  1. Ich liebe diesen Blog. Ich bewundere, wie und welche Projekte Du „da draußen“ angehst und wie amüsant, gewitzt, detail- und sprachverliebt Du darüber schreibst. Du wirkst allzeit inspiriert, das finde ich sehr inspirierend.
    Ich wünsche gutes Vorankommen mit dem Bauvorhaben und dem Gartengemüse. Es ist sicher jede Menge zu tun im Moment.

    Gefällt 1 Person

    • Ich liebe diesen Kommentar! Danke, Knicks und Verbeugung! Begeisterung ist mein Lieblingszustand, es macht mich wahnsinnig glücklich zu hören, wenn ich andere Menschen damit anstecken kann und ihnen ähnliche Zustände zuteil werden. Es ist in der Tat sehr viel zu tun momentan. Danke für die guten Wünsche und dir auch eine gute Zeit, was auch immer deine Projekte sind!

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