Die Zeit auf meiner Seite.

Eine von mehreren Selbsterkenntnissen, die ich in der letzten Zeit so hatte, war, dass ich mich gut als eine Figur in einem Roman von Haruki Murakami machen würde, nachdem ich sein neuestes Buch gelesen habe. Ich bereite hingebungsvoll Essen zu, verlebe einen überwiegend gut strukturierten Tagesablauf, habe mit 1-3 Personen pro Tag Kontakt, bin von Katzen umgeben und meine Träume vermischen sich auf manchmal beunruhigende Weise mit der Realität. In einer ähnlichen Aufgeräumtheit, Übersichtlichkeit, Einfachheit, Klarheit und Konzentration, die Murakamis Büchern eigen sind, finde ich mich jedenfalls wieder. Es ist total angenehm in so einem Murakami-Buch zu leben!
Der Januar ist ein guter Monat, um den Gartenplan zu machen. Alles ist noch ruhig, draußen gibt es nicht viel zu tun, der Garten schläft, aber das neue Jahr hat schon angefangen und kein Zeitpunkt kann also besser sein um zu planen. Dieses Jahr ist das erste Jahr, in dem ich so richtig von vorne bis hinten alles mitkriege und mitbestimme, weil ich nicht nach drei Monaten schon wieder woanders bin. Und ich habe schon sehr viel mehr Ahnung als im letzten Jahr. Jawohl. Viele Gemüse aus der Samenkatalog-Poesie klingen gar nicht mehr komisch, weil ich schon so ein krasser Insider bin jetzt. Der Brokkoli Rosalind. Oder der wollfrüchtige Feldsalat und Siegfried der Porree. Klingt schon beinahe normal.
Jedenfalls habe ich alles mir zur Verfügung stehende Wissen angewendet, um diesen Hammerplan zu machen, der nicht nur die Unterteilung der Gemüsesorten in Stark-, Mittel- und Schwachzeher berücksichtigt, sondern auch, wer wen liebt. Nicht nur wer wen toleriert oder nicht schlimm findet, sondern wer wen LIEBT. Da muss man schon eine Weile puzzeln. Ist bestimmt schwieriger oder mindestens genau so schwer wie die Sitzordnung bei einer Hochzeitstafel oder Familienfeier.
Es macht sehr viel Spaß, zuerst die Kataloge zu studieren, dann seine Auswahl zu treffen und einen Plan zu machen, eine Kanne Tee neben sich, Kerzen, schnurrende Katzen und draußen ist Winter, aber in Gedanken befindet man sich eigentlich schon im Sommer und sieht sich auf dem Beet von prächtigem Gemüse umgeben. Das Blöde an dieser Planerei ist, dass man die ganze Zeit so hungrig ist, weil alles so wahnsinnig gut und verlockend klingt.
Meine Absicht war es, nur das Gemüse zu bestellen, das ich für absolut unabdingbar halte. Kurz nachgezählt ergibt das 24 Gemüsearten und insgesamt 42 Gemüsesorten, das Saatgut verschiedener Arten und Sorten, die wir noch da hatten nicht mitgezählt. Da sehe ich mich auch schon etwas weinend auf dem Beet stehen, aber ich muss dieses Jahr meinem Eifer einmal Freilauf lassen, um dann total schlau zu werden und in Zukunft besser zu dosieren.
Ach ja, die 14 Kräuter habe ich vergessen zu erwähnen. Die bereits vorhandenen nicht mitgezählt.
Als die Kiste mit dem Saatgut ankam, habe ich bald darauf zwei Kästen gebastelt mit Abteilungen für die Monate und die Saatguttütchen bei dem Monat eingeordnet, in dem sie vorgezogen oder gesät werden müssen. Vielleicht bin ich ein Freak. Vielleicht befinde ich mich sogar auf irgendeinem Spektrum, aber diese Übersichtlichkeit beruhigt mein aufgeregtes Gemüseherz.
Weil ich in der Abteilung für Februar nachgeschaut habe, was es zu tun gibt, haben Uwe-Bob und ich diese Woche mit dem Vorziehen begonnen. Das erschien mir letztes Jahr auch noch relativ seltsam. Dass man sein ganzes Wohnzimmer mit besamten Pflanzpaletten pflastert. Aber es bereitet große Freude. Die ganze Woche gab es den herrlichsten Sonnenschein und es ist so kalt, dass der Schnee noch liegen bleibt. Wir haben es in Uwe-Bobs Anbau, das einem Gewächhaus am nächsten kommt, schön warm gehabt in der Sonne und die ersten Samen in der Anzuchterde versenkt. Uwe-Bob ist ja schon fortgeschritten und schreibt die Gemüsenamen jetzt auf Latein auf die Namensschilder. Es war schön, ein paar Tage zusammen hier zu haben, da wir in letzter Zeit fast nur fliegenden Wechsel betreiben und das einzige gemeinsame Winterprojekt die Einübung des Twerkens war, was zwar für viel Atemlosigkeit gesorgt, aber noch nicht zu vorzeigbaren Erfolgen geführt hat.
Zurück zum Gemüse und den Kräutern: Bisher in der Vorzucht befindlich haben wir Rosalind den Brokkoli, Fino den Knollenfenchel, den Blumenkohl Erfurter Zwerg, Siegfried den Porree, Andenbeere, Erdkirsche, Aubergine, 3 Sorten Paprika und eine Peperoni, Kopfsalat, Hirschzunge, bunte Blattsalate und Till den Eichblattsalat. Und Teefenchel und weiße Melisse.
Die stehen jetzt alle vor dem Fenster in der Stube und das bedeutet, dass ich nun jeden Tag mit der großen Sprühflasche zum Aufpumpen diese Paletten besprühen kann, bepusten, um etwas Wetter zu simulieren (Anweisung Uwe-Bob) und ein paar anspornende Worte verlieren. Von wegen es gäbe hier niemanden mit dem ich reden kann. Siegfried, Fino, Viktoria, Rosalind, Till und der Erfurter Zwerg, es ist richtig gesellig.

Aber der Garten ist nicht der einzige Plan, an dem gearbeitet wurde. Dieser tolle Freund den ich da habe, hat doch tatsächlich nicht nur einen Plan für mein Häuschen angefertigt, sondern auch eine Tabelle mit sämtlichen Angaben zum Materialbedarf. Da hab ich richtig schwache Knie bekommen. Mit dieser hervorragenden Liste konnte ich mich nun bei verschiedenen Händlern auf die Suche nach dem besten Preis machen. Die Auskundschaftung in Polen wird allerdings noch kurz auf sich warten lassen müssen. Auf Deutsch war mir das Wort „Konstruktionsvollholz“ ja schon relativ neu und jetzt das Ganze noch auf Polnisch. Aber meine Hippienachbarin kann diese Sprache und wird mir helfen, wenn sie fertig ist mit Überwintern in Berlin.
Schon seit Monaten stelle ich mir bei so alltäglichen Verrichtungen vor, wie das dann alles in diesem Häuschen wird. Wenn das Klo draußen ist. Und das Wasser nicht automatisch warm und heiß aus der Wand sprudelt. Wo es hinfließt wenn es dreckig ist. Wieviel Strom ich verbrauchen werde und wie man das alles berechnet. Festgestellt wie wenig Ahnung man eigentlich von Strom und Spannung haben kann (gehört nicht zu den neuen Selbsterkenntnissen) und etwas Sendung mit der Maus geguckt, um Wissenslücken zu füllen. Geht etwas besser jetzt. Solaranlagen und Kaminöfen recherchieren.
Und es dauert gar nicht mehr lang, dann passiert das alles. Ende März wird der Anfang gemacht. In Echt und in Wirklichkeit. Das wird auf jeden Fall die deutlichste Vermischung von Traum und Realität. AUF-RE-GEND!

6 Kommentare zu „Die Zeit auf meiner Seite.

  1. Ein wunderbarer Text und für mich einer der besten bisher! Sowohl sprachlich, vom Aufbau als auch vom Inhalt. Ich bin ganz angesteckt von Deiner Vorfreude und Begeisterung, obwohl zu 100 Prozent Stadtmaus mit null Ahnung vom Gärtnern oder Selbstversorgen. Ich würde wahrscheinlich sterben da draußen. Mit Murakami dagegen kann ich was anfangen.
    P.S. Auf Deinen Blog bin ich durch Clemens gestoßen, der den Launch in seiner FB-Chronik geteilt hatte.

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  2. „Und ein bisschen Sendung mit der Maus geguckt“ Wunderbar! 😂👍
    Eine Frage hätte ich noch: In welche Samenkataloge hast du denn reingeguckt?
    LG Jasminka

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