Frage und Antwort. Angst und Probleme.

F: Ich habe hin und wieder eskapistische Stadtfluchtgedanken. Aber dann sagt irgendeine Stimme in mir, meine Probleme würden ja dann eh mit mir mitkommen, also bringt es gar nichts, zu flüchten. Wie war das bei dir? (In der Annahme, du hattest/hast auch sowas wie Probleme…)

A: Hm. Das hängt wohl von der Sorte Problem ab, ob das dann mitkommt oder sich durch Stadtflucht lösen lässt. Es gibt ja so viele verschiedene Sorten von Problemen! Aber sicherlich auch ortsabhängige und ortsungebundene. Solche, die eigenes Zutun zulassen oder erfordern und dann wieder welche, die man still abwarten muss und die Zeit für sich arbeiten lassen kann.
Man muss eben herausfinden, was man bei einem Problem in der eigenen Hand hat und was nicht, oder vielleicht auch nur noch nicht. Wieviel Macht man über eine Situation wirklich haben kann, was man wirklich in der Lage ist zu schaffen und zu kontrollieren und was man eben zu akzeptieren hat, weil es außerhalb des eigenen Kontrollbereichs liegt. Das sind glaub die beiden Optionen bei Problemen: Was dran machen oder akzeptieren, dass sich nichts dran machen lässt.
So ein Ortswechsel kann sich ja durchaus positiv auf ein Problem auswirken. Weil man sich woanders vielleicht entspannter oder wohler fühlt, sicherer oder freier und andere Einflüsse auf einen einwirken. Dann ist das Problem zwar vielleicht nicht weg, aber fühlt sich u.U. anders an, verändert und entwickelt sich, bewegt sich und löst sich vielleicht irgendwann auf. So wie eine Verspannung.
Dieser Spruch, dass man seine Probleme überall mit hin nimmt, kann ja regelrecht gefährlich werden, weil er jede Veränderung als „Flucht“ verunglimpft. Falsch interpretiert lässt einen das in Umständen verharren, die einem vielleicht schon lange nicht mehr passen und dementsprechend nach Möglichkeit geändert werden müssen.
Damit will ich nicht sagen, dass es nicht Situationen gibt, die es schlicht durchzustehen gibt. Ich bin ein großer Fan vom Aushalten und total anti-Flucht. Aber genauso wichtig finde ich es, keine faulen Kompromisse mit sich selbst oder anderen einzugehen, gängigen Vorstellungen, wie die Dinge angeblich zu sein haben, nicht auf den Leim zu gehen, sich mit seinen Ängsten auseinanderzusetzen und sie idealerweiser zu bezwingen. Man muss halt ehrlich mit sich sein. Mit anderen natürlich auch. Aber ich hab leicht reden im Leben verändern, weil ich relativ unabhängig und frei bin.
Stadtfluchtgedanken speisen sich ja auch nicht unbedingt aus einem Problem. Vielleicht hat man auch einfach nur Lust auf etwas anderes und findet das Landleben spannender oder ist latent genervt und angestrengt vom Leben in der Stadt. So war das bei mir eher. Meine Bedürfnisse haben sich verändert und die Stadt hat im Angebot, was ich eigentlich nur noch selten in Anspruch nehmen will und ganz vieles nicht, was für mich aber extrem an Bedeutung gewonnen hat. Lässt sich ändern, also hab ich’s geändert.
Man soll einfach da sein, wo man die höchste Übereinstimmung mit sich selbst und seinen Vorstellungen vom Leben hat würd ich sagen. Dann kann man mit seinen Problemen auch besser umgehen.
Momentan übersteigen meine Probleme den Grad von in Gummistiefeln rutschenden Socken nicht und das ist ein Zustand, von dem aus es sehr leicht ist, Reden zu schwingen. Sprechen wir uns dann irgendwann nochmal.

 

F: Wovor hattest du am meisten Angst in Bezug auf deinen Umzug aufs Land?

A: Ach, lass mich doch lieber auflisten, wovor ich insgesamt alles Angst hatte, anstatt mich auf eine Sache zu beschränken.
Ich hatte Angst, dass ich eines Morgens aufwache und denke, dass das alles ein riesiger Irrtum und Fehler war. Ich hatte Angst, dass meine Angst vor Spinnen zu groß ist. Dass mein Rücken kaputt geht, bricht, ich ununterbrochen Schmerzen haben werde und mich niemals an Gartenarbeit gewöhne. Ich hatte Angst, dass ich nicht über die Runden komme, meine Freunde zu sehr vermisse, die Sache mit den Männern dann ein für allemal gelaufen ist und ich mich vielleicht insgesamt einsamer fühle als ich mir das vorstelle. Dass ich mir alles vielleicht schön vorstelle, aber dann alles ganz furchtbar ist. Dass ich von Nazis umzingelt bin und meine Nachbarn böse und schrecklich sind und mir das Leben zur Hölle machen wollen. Und dass beim Jobcenter hinterhältige, sadistische Monster sitzen, die mich zu irgendetwas zwingen, was ich hasse.
Nichts davon ist eingetreten, oder das Gegenteil.

Mit meiner Spinnenangst gibt es kleine aber stete Verbesserungen zu verzeichnen, Rückenschmerzen hab ich praktisch gar nicht mehr, sondern der ist ganz stark geworden, ich komme gut über die Runden und habe alles was ich brauche und mir nur wünschen kann,  meine Nachbarn sind toll und sämtliche Personen, die ich in irgendwelchen Ämtern kennengelernt habe durch und durch freundlich.

 

F: Was ist das Beste an deinem neuen Wohnort?

A: Das Beste ist einfach hier zu sein und alles machen zu können was ich mache. Alles zusammen ist das Allerbeste. Die Häuser, die Stille, Uwe-Bob, die Luft, das Wetter, die Katzen, Enten und Hühner, die Erfahrungen, der Garten, die Nachbarn, die vielen wilden Tiere, die Zeit auf meiner Seite zu haben, Zeit zum Kochen, für Yoga, für Freunde, zum Alleinsein, zum Zusammensein, zum Lesen, zum Sachen ausprobieren zu haben. Und was das alles mit meinem Kopf und meinem Herz und meinem Wohlbefinden macht.

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