Frage und Antwort. Mehr Menschen und keine Menschen.

F: Fühlst du dich manchmal allein? Ist das anders, als sich in der Stadt allein zu fühlen?

A: Nein. Alleinsein ist zum Glück kein Problem für mich. Mein Bedarf an Alleinsein ist relativ hoch. Ich verbringe gerne Zeit mit anderen, bin unheimlich gut darin, Freundschaften aufrecht zu erhalten über lange Zeiten und Distanzen und so, aber wenn ich mich nicht regelmäßig und ausgiebig zurückziehen kann, fühlt sich das wie konstanter Schlafmangel an für mich. Ich habe es immer für eine Art Schlüsselqualifikation des Glücklichseins gehalten, allein sein zu können und sich nicht von der Begleitung oder Anwesenheit anderer abhängig zu machen. Manchmal habe ich es mit dieser Qualifizierung vielleicht etwas übertrieben, aber hey, dafür bin ich jetzt wenigstens ohne Angst, unabhängig und frei.
Manche Leute kriegen wahrscheinlich sofort eine Gänsehaut, wenn sie sich vorstellen, in einem 74-Seelendorf in Brandenburg am Ende einer Straße zu wohnen, die zum Feldweg wird, einige Meter bis zum nächsten Nachbarn, wo nachts mehr Rehe, Dachse, Waschbären, Igel und Füchse vorbeikommen als tagsüber Menschen oder Autos. Und dort auch regelmäßig allein zu sein für viele Tage. Aber ich finds super. Nie schaffe ich mehr als in diesen Tagen. Andere Menschen bringen mich oft ganz schön durcheinander. Mir wäre es schon zuviel, wenn direkt neben unserem Haus ein anderes stehen würde.

Wahrscheinlich zielt die Frage aber auch eher darauf ab, ob ich mich hier einsam fühle. In der Stadt habe ich mich zuletzt manchmal einsam gefühlt. Das war ein Problem. Das habe ich hier zum Glück und vermeintlich paradoxerweise nicht. Viele meiner Freunde haben Familien gegründet oder sind/waren sehr in ihre Beziehungen oder ihr berufliches Leben oder sonstwas involviert. Darunter hat das Gefühl der Innigkeit und Verbundenheit, das ich aus meinen Freundschaften kenne, wie sie bisher waren, gelitten. Irgendwann gibt es diesen shift, bei dem sich die Verbindung stärker auf Kinder und Partner konzentriert und Freundschaften nicht mehr so intensiv sind, wie in dem Alter von vielleicht 20-30, wo Freundeskreise noch eher wie eine Art Ersatzfamilie fungieren. Da ich keinen Kinderwunsch habe und es mit den Männern auch nicht immer ein Spaziergang ist (glücklicher Zufall, dieser Zusammenhang), hatte ich Raum, von dem ich nicht immer wusste, wie ich den sinnvollerweise am besten fülle. Ich habe mich viel mit Freunden getroffen und viel unternommen. Das war auch überwiegend ziemlich schön. Trotzdem merke ich jetzt, dass ich Permakultur erfüllender finde als Kulturkonsument in Berlin zu sein (was ich gelegentlich immernoch gerne bin, so ist es ja nicht), und dass ich lieber intensiv Zeit mit mir selbst verbringe und der Kontakt mit Freunden zwar seltener, aber erquicklicher für mich geworden ist. Diesen Raum, von dem ich da eben gesprochen habe, habe ich mit meinem „neuen Leben“ irgendwie sehr gut ausgefüllt, wie ich jetzt merke, obwohl mir vieles davon vorher gar nicht so bewusst war. Praktischerweise hat sich damit auch die nun bereits viel beschworene Verbundenheit mit mir und allen und allem eingestellt. Ich habe auch das Gefühl, dass meine Freundschaften dadurch gewonnen haben. Wahrscheinlich weil ich einfach glücklicher und zufriedener bin und man sich auf der zwischenmenschlich fruchtbarsten Ebene befindet, wenn alle glücklich und wohlbeschäftigt ihren Leben und Projekten nachgehen und sich gegenseitig daran teilhaben lassen.

 

F: Bekommst du manchmal Besuch?

A: Mittlerweile habe ich schon lange keinen Besuch mehr bekommen. In der kalten Jahreszeit ist es auch etwas schwieriger, Leute unterzubringen hier. Und von den Leuten auch bei weitem nicht so nachgefragt. August scheint der populärste Monat zu sein. Alle wollen im Sommer kommen. Überraschung.
Für die Berliner scheint es sich um eine schier unüberwindbare Strecke zu handeln. Ich sehe da eine heftige psychologische, wenn auch etwas alberne Blockade. Aber ich kenne den Effekt selber. Wenn man alles und noch viel mehr vor der Haustür hat, fällt es einem schwer, einen Weg auf sich zu nehmen, so überhaupt. Es macht etwas lahm mit Verlaub gesagt. Ich verwöhne meine Freunde aber auch allzu sehr. Ich komme die nämlich schon immer besuchen bevor die mal einen Finger krumm machen müssen.
Ein paar Unerschrockene haben mich aber schon mit ihrem Glanz in der Hütte hier beglückt.
Den anderen sei zu Gute gehalten, dass sie nicht supermobil sind, viel (normal) arbeiten und dementsprechend wenig Freizeit haben, die ihnen durch die Fahrzeit zu mir vermutlich zu sehr in Bedrohung gerät, oder vielleicht einfach froh sind, wenn sie einfach mal zuhause sind. Kann keiner besser verstehen als ich.
Trotzdem möchte ich jeden ermutigen, die Stadt regelmäßig zu verlassen, Ausflüge zu machen und andere Dinge zu erleben. Es scheint einem eingangs vielleicht sehr sehr schwer, aber es ist wie zum Sport gehen, dabei und danach ist es wunderbar. Vor allem hinterher.

Wahrscheinlich denken viele Leute auch, dass wenn sie herkommen, es sich von der Zeitspanne her auch irgendwie „lohnen“ muss. Auch dieser Gedanke ist mir noch vertraut, habe die Befolgung aber vor ein paar Jahren glücklicherweise aufgegeben und angefangen, auch weitere Strecken für kurze Zeiten zu machen. Kann ich als sehr befreiende Maßnahme jedem empfehlen. Die Scheu davor, sich an einem Wochenende 2x in ein Flugzeug zu setzen ist ja auch nicht so groß. Die Reise mit einem Flugzeug hat vielleicht für viele immernoch etwas mehr Glamour, als sich in den RE3 zu setzen. Dass das falsch ist, wissen sicher alle, aber fühlen es noch nicht so richtig. Kommt alles noch.

 

F: Hast du ein Auto (zur Verfügung)? Wenn nein, hättest du gern eins?

A: Ja! Seit Ende des Sommers habe ich mein erstes eigenes Auto. Meine Mutter hat mir ihr altes geschenkt. Danke nochmal Mama. Das Auto heißt Ingo. So bin ich also doch noch zu meinem hübschen Kleinwagen gekommen.
Ein Auto passt natürlich nicht so ganz zu meinem neuen unfreiwilligen Image als Ökoschnecke, aber da ein Pferd noch teurer in der Unterhaltung wäre und die Verkehrsanbindung nicht ganz ernst zu nehmen ist, gebe ich mich diesem meinem guilty pleasure voll hin.
Ich liebe Auto fahren! Ich könnte den ganzen Tag Auto fahren und Musik hören und Hörbücher und hupen und blinken und Schulterblick machen und Licht an und aus.
Außerdem würde es vermutlich schwer bis unmöglich sein, einer Arbeit nachzugehen ohne Auto.

 

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