Frage und Antwort. Die Philosophie.

F: Warum aufs Land und nicht in eine andere Stadt? Ein anderes Land? Oder auf eine Insel? Zum Beispiel Bali?

A: Ich wollte gerne in der „Nähe“ von Berlin bleiben, weil da ein Großteil meiner Freunde lebt und ich einen gewissen Austausch mit der Stadt gerne beibehalten möchte. Zufällig hat sich herausgestellt, dass ich Ostdeutschland ganz hinreißend finde (im Gegensatz zu Westdeutschland). Bali interessiert mich zum Beispiel nicht die Bohne. Wahrscheinlich scheint da immer die Sonne und es ist total heiß. Da sollen dann lieber die Leute hinfliegen, die im Winter so unglücklich sind in Deutschland und mir damit in den Ohren liegen. Ich finde Deutschland im Großen und Ganzen auch ziemlich ok. Ich bin für meine Bedürfnisse annähernd genug rumgereist und mir reicht es, ab und zu mal in Urlaub zu fahren und sich dort mal über ein paar andere Sachen zu wundern. Kann sich aber auch alles noch ändern.

So wie sich meine Vorstellungen von einem richtigen und guten Leben entwickelt haben, lassen sich diese eigentlich nur auf dem Land für mich umsetzen. Ich möchte so glücklich und erfüllt wie möglich leben und dabei so wenig Schaden wie möglich für die Welt, in der Gegenwart und für die Zukunft anrichten UND möglichst viel Gutes einbringen. Ich weiß zwar nicht, warum ich mich so sehr für eine enkelfähige Zukunft interessiere, wenn ich doch nichtmal selber Kinder haben will, vielleicht bin ich aber einfach total nett und tus für eure Kinder. Oder weil es mir damit einfach besser geht. Zusammenfassen lässt sich das unter dem von mir nicht sehr geliebten Begriff „Selbstversorgung“. In der Stadt eigentlich unmöglich. Auf dem Land immerhin in Teilen machbar. Damit lösen sich viele Problemchen wie sich hier kaum in einer Antwort aufzählen lassen.

Zum Beispiel Essen. Interessiert viele nicht, sollte es aber. In Berlin habe ich wilde Phasen durchlaufen, in denen ich mir irgendwelche Essensphilosophien ausgedacht und für eine Weile verfolgt habe. Es sollte gesund sein, unbelastet, niemandem weh tun, die richtigen Produzenten bezahlen, erschwinglich und leicht zuzubereiten. Das waren viele Faktoren, die sich nur schwer vereinen ließen. Ich habe entweder sehr viel Zeit mit Einkaufen oder gedanklicher Auseinandersetzung mit Essen verbracht, viel Geld ausgegeben oder war, wenn ich das alles nicht getan habe, irgendwie latent unzufrieden mit meiner Ernährung.
Diesen ganzen Quatsch kann ich mir jetzt sparen. Ich gebe ungefähr 100€ für Lebensmittel aus im Monat. Sämtliches Gemüse kommt aus dem Garten. Hochwertigeres Gemüse, als direkt aus der Erde gezupft und verarbeitet, kann ich nicht haben. Ich muss nicht einkaufen und spare mir die Nerven, die ich in Berlin an schreckliche Musik, überhitzte Läden, unkontrollierte Mitmenschen, lange Schlangen und langwierige Entscheidungsfindungen und Abwägungen verloren habe. Ich gehe in den Garten, bin kurz an der frischen Luft, erlebe irgendeine Form von Wetter, hab genauso viel Geld in der Tasche wie vorher und meine Nerven sind eher gestärkt als geschwächt. Regionaler und saisonaler geht es nicht. Mit dem Kauf von bestimmten Samen kümmere ich mich gleichzeitig um den Erhalt diverser und alter Sorten und irgendwann kann ich wahrscheinlich sogar meine eigenen Samen gewinnen und muss nichtmal mehr die kaufen. Sämtlicher Müll ist biologischer Natur, kommt auf den Kompost und füttert das zukünftige Gemüse. Da geht mir das Herz auf wenn die Dinge so rund sind.
Ich finde es total gut, mittags zu kochen. Normale Arbeitszeiten machen es sehr schwer, mittags selber zu kochen und auch abends, denn da ist man müde und hat vielleicht, wahrscheinlich keine Muße mehr.
Dadurch, dass ich ansonsten nur Grundnahrungsmittel kaufe, ist alles sehr schön einfach geworden. Ich denke nicht mehr viel über Essen nach, neine das ist gelogen, aber zumindest ganz anders, weil sich von selbst ergibt, was es gibt. Als Richtlinie habe ich im Hinterkopf, überwiegend nur zu kaufen, was in Deutschland wachsen kann und ökologischer Herkunft ist. Ich habe zum Beispiel lange keine Bananen oder Avocado mehr gekauft. Als emphatischer Mensch empfinde ich die Vergangenheit meiner neuen Heimat nach.

Ich werde richtiggehend traurig wenn ich feststelle, welch nebensächlichen Stellenwert Essen für viele Menschen hat. Es lässt sich so viel damit beeinflussen, angefangen natürlich bei der eigenen Gesundheit und Zufriedenheit, über die Stärkung oder Schwächung diverser Lebensmittelindustriezweige, bis zur Gestaltung des Tages und sozialer Verbindungen. Mit Essen macht man eigentlich ziemlich viel Politik und gestaltet die Welt. Aber das wird vielleicht das Geleit zu meinem noch ungeschriebenen Kochbuch…

Nur auf dem Land kann ich in dem Umfang Gemüse anbauen wie es nötig ist, um auf Einkäufe verzichten zu können. Und damit schlage ich auch gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe. Im Sommer ist man fast den ganzen Tag draußen. Egal wie beschissen der Sommer angeblich ist, man wird immer noch genug Sonne abbekommen, genug geschwitzt, genug Luft durch die Lungen geballert haben, dass man in jedem Fall das Gefühl hat, dass man einen Sommer erlebt hat. Wennn ich den ganzen Tag indoors einer Erwerbstätigkeit nachgehe und nur stark begrenzt die Möglichkeit habe, draußen zu sein, ist vielleicht ausgerechnet am Wochenende immer Regen und 19 Grad. Dann denkt man, das sei ein furchtbarer Sommer. Das stimmt aber nicht.
Das Wetter kann nichts dafür. Für gar nichts.
Ich bin sehr glücklich darüber, dem Wetter und den Jahreszeiten jetzt näher zu sein. Mir gehts dann besser, weil alles seine Zeit hat. Jetzt im Winter kann ich lesen, Vorräte aufessen und den Garten planen, im Frühjahr alles starten und wachsen lassen, im Sommer schwitzen, rackern und ernten und im Herbst noch mehr ernten und Vorräte anlegen und damit hat alles so seine Zeit und Daseinsberechtigung. Das find ich gut geregelt so. In der Stadt war ich Wetter und Jahreszeiten wesentlich ferner. Mich mit anderen schwitzenden Menschen den Bordstein entlangzuschieben oder so zu tun als würde ich es genießen am Kanal zu sitzen und ein Buch zu lesen hat mich ziemlich fertig gemacht.

Es gibt auch keinen Grund in ein Sportstudio zu gehen oder so. Entweder ist die Arbeit eh so anstrengend, dass zusätzlicher Sport überflüssig ist, oder man kann einfach loslaufen oder -fahren und muss dafür nicht erst irgendwohin, um eine vertretbare Luftqualität und Umgebung zu haben, sondern die Schönheit hebt einen aus den Puschen sibald man das Haus verlässt. Wenn man viele Gießkannen durch den Garten trägt, wird man automatisch stark und der Rücken interessanterweise auch. Ich mache fast jeden Tag ein bisschen Yoga, was dabei hilft, alles an Ort und Stelle zu bringen im Körper und im Kopf und etwas geschmeidig zu bleiben oder werden. Aber ansonsten ist das Leben Fitness genug, wenn man es nicht vor dem Computer verbringt. Das finde ich unheimlich praktisch. Und sehr günstig ist auch das.

Verbundenheit ist ein weiteres Stichwort, das nicht unerwähnt bleiben sollte. Ich fühle mich mit allem, jedem, mir selbst und überhaupt so verbunden wie noch nie. In Berlin habe ich mich in einer Umgebung befunden, in der ich von den wenigsten Dingen eine Ahnung hatte, wo sie herkommen oder wie sie im Innern funktionieren. Das gilt nicht nur für Dinge, sondern auch Menschen fällt mir da gerade auf. Aber egal.
Ich habe mal eins von diesen kleinen Büchern von Wilhelm Schmidt gelesen. Das war gar nicht so blöd wie ich erst vermutet hatte. Da stand, dass Verbundenheit der eigentliche Sinn ist. Also so hab ich es mir jedenfalls ungefähr und stark vereinfacht gemerkt. Kann gut sein, dass er was ganz anderes gesagt hat. Ich habe es so verstanden, dass Verbundenheit und Sinn eigentlich ein und dasselbe sind. Überall, wo Verbindung hergestellt wird, ergibt sich Sinn und damit meistens Zufriedenheit und/oder Glück. Ob es Sachverhalte sind, die erst in ihrer Verbindung einen Sinn ergeben, zwischenmenschliche Verbindungen, die den meisten erst ein Gefühl von Sinn geben oder die Verbindung zwischen Menschen und ihrer Umgebung und wie sich der Austausch gestaltet. Es kommt glaube ich nicht von ungefähr, dass Gartenarbeit als so zufriedenstellend dargestellt und von vielen auch so empfunden wird. Die vielseitigen Zusammenhänge und Entwicklungen dort zu beobachten und zu erkennen können, ergibt auf jeden Fall total Sinn. Wenn ich im Frühjahr Tomaten vorziehe, irgendwann auspflanze, mich um die Pflanzen kümmere und irgendwann ernten kann, fühlt sich das auf jeden Fall verbundener und sinnvoller und dementsprechend erfüllender an, als im Winter in einen Supermarkt zu gehen, Tomaten zu kaufen, danach aus ihrer Knisterfolie zu holen und zu verdrücken. Geht auch, ist aber einfach lange nicht so geil.

Hier ist alles einfacher, direkter, nicht so in Watte gepackt, weniger verwirrend und unproblematischer. Ich kann so viel ausprobieren, Neues lernen, ich denke nicht so viele böse Sachen, weil mir nicht so viele Leute über den Weg laufen und die Warschauer Brücke weit weg. Das entspannt mich. Ich mag es, mich herauszufordern, so viele Sachen zu machen, die ich noch nie gemacht habe, mein Phlegma zu boxen, alles Unnötige einfach vergessen zu können, zu machen anstatt zu denken und zu reden, produktiv zu sein, konstruktiv zu sein, zu verstehen wie die Dinge gehen und laufen, meine Zaghaftigkeit zu überwinden, diese Gegend und ihre Bewohner kennenzulernen und mir anzuschauen, was die alles zu bieten hat und haben.

Und das war jetzt eine ganz schön lange Antwort, mit der noch immer nicht alles gesagt wurde. Aber das kann man auf dem Land auch ganz gut lernen: Pausen machen.

 

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