to hibernate.

Ich habe noch nie verstanden, was die Leute gegen den Winter haben.

Depressionen hat mir in der Regel der Sommer in Berlin gemacht, wenn alle so unheimlich gut drauf sind, die Straßen verstopft mit hyperaktiven Menschen, alle naselang eine Frau mit geschlossenen Augen das Kinn etwas in die Höhe reckt und Sonnenstrahlen sammelt. Während andere mit ihren Schwimmringen, Freunden, Bier und Musik in der Krummen Lanke die Zeit ihres Lebens haben, sitze ich meistens in einem schattigen Zimmer, lese und warte bis die ganze Aufregung vorbei ist und ich wieder vollkommen legitim in einem Zimmer sitzen und lesen kann, bloß dass es Winter ist und einen deswegen endlich niemand mehr ganz so schief anguckt wenn man sagt, dass man sich eigentlich jetzt gerne zurückziehen und seinen Büchern widmen möchte. Zum Glück war der Sommer in diesem Jahr von einer völlig anderen Qualität, da den ganzen Tag draußen sein und arbeiten total viel mehr Sinn ergibt, als sich in spärlicher Freizeit zwischen die anderen Singles am Kanal zu quetschen und so zu tun, als sei das savoir vivre. Übrigens hat man dann auch nicht den Eindruck, der Sommer sei scheiße, wenn man draußen arbeitet. Wenn man nur die Abende und Wochenenden hat, um draußen sein zu können, hat man vielleicht dauernd Pech und genau dann ist das Wetter nicht wie gewünscht. Das ist sicherlich doof, aber wenn man sich entscheidet, sein Leben so oder so zu führen, sollte man nicht dem Wetter die Schuld in die Schuhe schieben. Das ist der falsche Ansatz.

In diesem Sinne möchte ich an dieser Stelle eine Lanze für den Winter brechen: Er ist grau, grau, grau, ja, auch grau hat seine Daseinsberechtigung! Und es gibt so viele verschiedene Schattierungen von grau, wie viele ja schon aus Film und Fernsehen wissen, aber es gibt sogar mehr als 50, es ist jeden Tag ein anderes.  Und manchmal ist es sogar kalt im Winter, das fühlt sich gut an in der Lunge und im Gesicht und wenn man heimkommt ist das auch schön und man kann eine Kerze anmachen und Kuchen essen. Manchmal gibt‘s Schnee, auch das ist klasse, sieht hübsch verträumt aus und manche Menschen spielen auch gerne damit.

Meine Tage finden seit ein paar Wochen, wenn auch mit noch immer leichtem Widerstreben, gegen 4 Uhr nachmittags ein relativ abruptes, stets neu überraschendes  Ende. Wie wir ja alle wissen, geht dann die Sonne unter, dementsprechend die Hühner und Enten ins Bett und damit klingelt die Feierabendglocke psychologisch. Als ich Anfang des Jahres hier ankam, wurden die Tage ja bereits wieder länger – eine Tatsache, die mir erst kürzlich bewusst wurde. Ja, überall anders wird es auch früh dunkel, aber ich sage, hier wird es dunkler. Der Tag ist gefühlt einfach vorbei, bzw. beginnt das Abendprogramm einfach einen halben Tag früher als im Sommer. Also ich finde das ja schön, diese Sache mit den Jahreszeiten und dass die alle so unterschiedlich sind und man, wenn man in einem 500 Meter langen Dorf wohnt, seinen Tagesverlauf maßgeblich von Wetter und Jahreszeiten diktiert bekommt. Jedenfalls gefällt mir diese Zeit gerade sehr, in der ich neben dem Ofen sitzen und lesen kann und der Katze dabei zuhöre, wie sie mit den Zähnen knirscht. Ganz andächtig. Warum sollte ich da mit einem Billigflieger nach Spanien düsen und Sand in der Poritze haben? Wenn ich das haben kann, was ich hier vorfinde? Ofen, Bücher, Katzen?

Jeder braucht ihn, den Winter und jeder weiß es, kann es aber vielleicht nicht zugeben. Traut euch. Es wird euch entspannen.

Und wenn ich das nächste Mal höre, dass sich jemand über den Winter beschwert, oder das Wetter im Winter, dem gähne ich ostentativ ins Gesicht und mache auf dem Absatz kehrt. Es ist einfach das langweiligste Gespräch auf der ganzen Welt.

 

Ein Kommentar

  1. Da kann ich nur aus vollem Herzen zustimmen. Im Winter kann man übrigens auch ganz großartig kuschelige Wolljacken, Shawls, Stulpen und dicke Socken anziehen. Und Tee trinken. Und endlich Weihnachtsmusik hören!

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