Herr Schnuppke und die Quetschkommode.

Wenn man auf dem Land wohnt, hat man am Wochenende nie Probleme. In Berlin hatte ich meist mit irgendetwas zu kämpfen -Müdigkeit, Entscheidungsschwierigkeiten, paradoxe Bedürfnisse, Entfernungen – diese Probleme haben sich auf wunderbare Weise von selbst gelöst.

Kürzlich schlurfte Herr Schnuppke an unserem Haus vorbei mit seinem Gehwägelchen. Wir haben uns kurz unterhalten und für abends verabredet. Er hatte mich bereits im Sommer eingeladen, mir mal was auf seiner Quetschkommode vorzuspielen, aber ich bin der Ansicht, das ist eher was für kältere Tage. Wie jetzt zum Beispiel.

Ich war ja noch nie in seiner Wohnung, darum hat er sie mir erstmal gezeigt. Es waren etwas seltsame Dinge, auf die er offenbar besonders stolz ist. Z.B. die vielen Kisten mit Katzenfutterpackungen, oder seine Nachttischlampe, ein eher einfaches Metallgestell von lieblosem Design und einem blauen Plastikfuß, naja.

Ich habe ihm ein paar Eier mitgebracht, weil ich dachte, das sei sicher nett. Überraschenderweise sagte er auf mein Mitbringsel hin, er hätte auch was für mich. Und kam aus der Küche mit einer Packung Fertigbratkartoffeln zurück. Da hab ich ganz schön Augen gemacht. An ein abgefahreneres Geschenk kann ich mich momentan jedenfalls nicht erinnern.

Nachdem wir dann ein bisschen rumgesessen und gequatscht hatten, hat er seine Quetschkommode geholt und die ist wirklich außerordentlich alt und außerordentlich schön. Klein, und mit zahlreichen Holzschnitzereien verziert. So richtig hat das an dem Abend mit der Polka zwar nicht geklappt, weswegen wir dann auch relativ bald auf Mensch ärger dich nicht umgestiegen sind, aber es war trotzdem schön, ein wenig auf diesem Instrument zu klimpern und schräge Stimmung zu machen.

Zum Mensch ärger dich nicht spielen war es Herrn Schnuppke sehr wichtig, einen alten kleinen Joghurtbecher zum Würfeln zu benutzen. Ich habe ihm zwar mehrfach gesagt, dass wir nicht knobeln, sondern das Brettspiel aller Brettspiele spielen, das hat er aber ignoriert und hingebungsvoll den Würfel von einer Ecke des Joghurtbechers in die andere rutschen lassen, bevor er ihn ausgeschüttet hat. Da die Ausgabe seines Spiels sehr klein ist, war es nicht immer ganz leicht für ihn, seine Figur 1. zu finden und 2. an die richtige Stelle zu bewegen. Eine Weile habe ich diese Anarchie walten lassen, irgendwann wurde es aber zunehmend sinnlos und ich habe vorgeschlagen, ihm beim Setzen seiner Figuren etwas unter die Arme die greifen. Was dazu führte, dass er sich von jeglicher Verpflichtung frei fühlte und alle Regeln erst recht über Bord warf. Zum Beispiel, mit dem Würfeln zu warten, bis der andere fertig ist mit seinem Zug. Er würfelte sich in einen regelrechten Freudenrausch, lachte und würfelte, hörte mir überhaupt nicht mehr zu, obwohl ich immer lauter „STOP“ und „WA-RTEN!“ brüllte. Irgendwie hat er mich dann auch echt noch überholt und gewonnen.

Nach dem Spiel wollte er mir dann noch ein paar Fotos zeigen. Daran war ich grundsätzlich auch interessiert, ich dachte dabei an so alte Fotos zu denen es Geschichten gibt, aus denen ich noch was lernen kann über das Dorf. Dann war es aber so, dass Herr Schnuppke eine Box aus dem Wohnzimmerschrank holte, in der man im Asiarestaurant seine Reste abgepackt kriegt. In einer solchen Kiste befanden sich nicht besonders alte oder aufschlussreiche Fotos, sondern eher so welche, wo z.B. ein 9-Jähriger mit einem komischen Kostüm neben einem Schwimmbecken steht und man sich beim besten Willen nicht erklären kann, wie es zu diesem Bild kommen konnte bzw wie verdreht die Person im Kopf gewesen sein muss, die dachte, dass das ein tolles Motiv sei, das festgehalten werden muss.

Nachdem sich bald herausstellte, dass es über die Fotos in der Chinabox nicht so tolle Geschichten gibt, dachte ich, es wäre vielleicht schön, wenn er noch ein bisschen über die großen, überall in der Wohnung verteilten Fotos erzählt, auf denen ordentlich arrangierte Gruppen abgebildet waren und nicht irgendwelche dahergelaufenen schlecht verkleidete Buben. So richtig kam da aber auch nichts bei rum. „Und ist das ihre Tochter?“ „Hm. Weiß ich jetzt auch nicht wer das ist.“ „Hm. Naja.“

Wir saßen also bald wieder auf dem Sofa und er hat mir noch ein paar Sachen erzählt. Er hat sich wahnsinnig gefreut über diesen Abend und hat elenden Spaß beim Mensch ärgere dich nicht gehabt. „Alleine ist so langweilig“ hat er gesagt.

Als ich nach 2 Stunden oder so mit meiner Packung Fertigbratkartoffeln die paar Meter mit dem Fahrrad nach Hause gefahren bin, hatte ich auf jeden Fall einen schönen Abend gehabt, allein weil ich wusste, dass Herr Schuppke einen schönen Abend hatte.

 

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