Wenn Trödelklaus geht, geh ich auch.

Vor unglaublich vielen Jahren, als ich noch nicht richtig sprechen konnte, gab es von Onken eine Schokokugel, die mit Joghurt gefüllt war, in einem großen Joghurtbecher, den man im Kühlregal finden konnte seinerzeit. Mal abgesehen davon, was für ein krude klingender Name Onken für ein so wohlschmeckendes Produkt ist, bin ich bis heute, ca. 33 Jahre später, nicht darüber hinweg, dass es diese tollen Kugeln nicht mehr gibt. Die dünne, knackige Schokohaut, die sich um die kühl-fruchtige Joghurtcreme gespannt hat, das Geschmackserlebnis, das sich aus der gekühlten Schokolade mit der völlig anderen Konsistenz des Joghurts und der Vermischung beider ergab, war ein Erlebnis, von dem ich glaubte, es mir jederzeit aus einem Kühlregal nehmen zu können, für jetzt und immer.

Dass Angebote nicht für ewig bestehen, hätte ich mit den Joghurtkugeln dann zwar eigentlich früh lernen können, was ich aber früher verstanden hatte, als die offensichtliche Lektion, war, dass ich wohl auf Dinge abfahre, die andere nicht so toll finden. Und dann sind sie eben irgendwann einfach weg und ich verstehe überhaupt nicht was passiert ist.

So ging es mir zuletzt mit Trödelklaus. Unterdurchschnittlich oft gerate ich in Bummellaune, aber wenn es mal soweit war, führte kein Weg an Trödelklaus vorbei, schon allein, weil Trödelklaus die Parallelstraße hoch, noch vor der nächsten Ecke, seinen Sitz hatte. Ich meine, die Leute, die bis zur Friedrichstraße fahren, um sich dort für das 25 – 450-fache etwas zu kaufen, was dann 25 bis 450000 andere Menschen in der Stadt auch in ihrem Schrank hängen haben, mögen lieb und wertvoll und manchmal sogar meine Freunde sein, Verständnis löst dennoch nichts in diesem Vorgang in mir aus. Man will doch anders sein, wie alle anderen auch. Bei Trödelklaus, durch die nikotinbraune Luft hindurch, fand ich immer etwas, was andernorts für Aufsehen sorgte. Und wie man so oft auf ein Kompliment für etwas frisch Erstandenes reagiert, indem man den Komplimentmacher ungefragt darüber informiert, wo man das heiße Teil her hat, hat der Hinweis auf „Trödelklaus“ meistens zusätzlich für Aufsehen gesorgt. Meine nun Exnachbarin Renate mit dem russischen Akzent, der Frisur ihres Hundes („Der geht ab wie Spirale!“ sagte sie mal) fand bei Trödelklaus glaube ich Zuflucht vor ihrem Mann, aber auch eine Beschäftigung und kannte, für egal welchen Gegenstand ich ihr in all den Jahren vor die Nase hielt, immer nur 2 Preise: 1 Euro oder 2 Euro. Das ist genau die Sorte Übersichtlichkeit, die man sich im Leben wünscht und wohl nur selten bekommt, sodass man eine spezielle Verbundenheit den Orten gegenüber entwickelt, die sie einem bieten. Welcher von den grobschlächtigen Typen mit denen Renate da ihre Zeit rumgebracht hat eigentlich Trödelklaus war, habe ich nie in Erfahrung gebracht. In Erfahrung gebracht, wie sinnlos es sich anfühlen würde, noch in Neukölln zu bleiben, wenn jetzt sogar Trödelklaus die Segel streicht, habe ich vor Kurzem, als ich die Straße runtertrapste und fassungslos vor der Ladenauflösung der Wohnungsauflösungsstätte Trödelklaus stand. Vom Donner gerührt.

Es war das Ausrufezeichen hinter meinem Abgang, die Drohung, dass dort in Kürze der nächste Laden mit Leuten drin und davor sein wird, denen nichts Neues mehr einfällt, als dem Berlin der 80er und 90er hinterherzutrauern, zu imitieren und zu wiederholen, wiederholen, wiederholen.

 

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