Jobhunting im wilden Osten.

Eine Frage hat mich besonders umgetrieben, bevor ich die Stadt verlassen habe, und zwar, wie man es sich eigentlich leisten kann, auf dem Land zu leben.Ich habe viel Zeit auf meinem Neuköllner Sofa verbracht und mir den Kopf zerbrochen, wie das Leben auf dem Land aussieht, wenn man weder geerbt hat, die Gelegenheit hatte zu sparen, sowieso reich ist oder andere Zufälle, die auf mich nicht zutreffen. Ich befürchtete, dass man mit einem hässlichen Kleinwagen einen weiten Weg in ein Büro mit schlechtem Betriebsklima fährt, sich in knisternde Arbeitskleidung stecken muss, die zwar immer fusselfrei ist, einem aber auch immer elektrisches Haar macht. Und den Rest der Zeit weint man, weil in Wirklichkeit überhaupt kein selbstgebackener Apelkuchen im Garten gegessen wird und man gar keine Zeit für seinen Garten hat und irgendwann alles mit diesen verdrießlichen Thujahecken vollbombt und aufgibt.

Wenn aber Wünsche so beharrlich sind, werden solche Schreckensphantasien auf lange Sicht glücklicherweise ignoriert. Und das ist auch gut so. Schließlich ließ sich die Entwicklung der Dinge auf keinem Sofa dieser Welt ergrübeln und wenn ich wüsste, wie man diese Lektion auf einem Yogiteebeutelschnipsel unterbringen könnte, würde da stehen, das man in den meisten Fällen vom Sofa aufstehen muss, um einen Schritt in die Richtung zu gehen, in die man will, und von da aus sieht man schon so einiges, was man vom Sofa noch nicht sehen konnte, und auch nicht vorstellen konnte. Und dann puzzelt sich mit jedem Schrittchen alles nach und nach zusammen. Step by step stünde dann auf dem Schnipsel. Mhm.

Gut, genug Yogiteelebensweisheit, eigentlich wollte ich davon schreiben, dass ich mich kürzlich auf die Suche nach Arbeit begeben habe. Eingeschüchtert durch die allseits bekannte Legende, dass es im Osten des Landes keine Arbeit gibt und ganz speziell an meinem neuen Wohnort sowieso schonmal gar nicht, waren sowohl Hoffnung, als auch Erwartung, in nur sehr überschaubaren Portionen vorhanden. Aber Legenden hin oder her, allem Gemunkel, Geraune, allen hochgezogenen Augenbrauen und unverschämter Angstmacherei zum Trotz, es hilft ja alles nichts, probieren muss man trotzdem immer alles. Auf diesen zwei Worten liegt die Betonung. Immer. Alles. Was so selbstverständlich geworden ist für die meisten Bereiche des Lebens, ist im Bereich des Probierens oft noch etwas unterentwickelt. Dageben habe ich nun also kürzlich ein Zeichen gesetzt.

Nach dem Öffnen einer Einladung zum Arbeitsamt und einer darauf folgenden dreitägigen depressiven Schockstarre in der ich mich exzessiv Horrorphantasien hingegeben habe, in denen es von hässlichen Kleinwägen und Thujahecken nur so wimmelte, wachte ich eines Tages froheren Mutes auf und tat was getan werden musste.

Den Lebenslauf frisiert, erstes Gestammel in Richtung eines Anschreibens für eine Initiativbewerbung gesammelt, tiiiiieeeef in mich reingehorcht, womit ich denn eigentlich meine Zeit außerhalb des Gartens verbringen möchte, wenn man mal so tut, als ob alles ginge und dergleichen mehr.

Das Gespräch mit der Dame vom Arbeitsamt verlief nach ersten Aufregungen („WARUM sind sie hierhergezogen aus BERLIN???“) friedlich und fast freundschaftlich. Die Arme war etwas eingeschüchtert von meinem lächerlichen Bachelor („Eigentlich kann ich Akademikerinnen wie Sie ja gar nicht beraten….Also was genau ist ein Bachelor? Sowas hatten wir in der DDR ja gar nicht wissense….“), bald allerdings beruhigt, als sie merkte, dass ich auch bereit bin Currywurst zu verkaufen, wenn diese Tätigkeit bloß nicht mehr als zwei Tage pro Woche in Anspruch nimmt.

Beflügelt von dem guten Gefühl, dieser im Herzen lieben Frau ihre Arbeit an diesem Tag etwas erleichtert oder gar abgenommen zu haben und sie wesentlich hoffnungsfroher verlassen als angetroffen zu können, spazierte ich zum ersten Mal durch die Einkaufsstraße, wo ich doch jetzt schonmal in der Stadt war. In solchen Städten ist ja alles recht hübsch übersichtlich, sodass man auch als erstes in einer Touristeninformation landet, wo ich mir die Taschen mit Broschürchen vollstopfte und eine Postkarte kaufte. Wie schnell man nach 21 Uhr ins Präteritum abdriftet.

Die Einkaufsstraße war nach einer Stunde ausgekundschaftet und alle interessanten Geschäfte für eine eventuelle Bewerbung schnell notiert. LiebeTrüffelLeidenschaft

Nach einem Mittagessen mit kläglicher Salatbeilage und einer unterhaltsamen Heimfahrt im hiesigen Schulbus, war ich fürs erste zufrieden mit meinem Tagewerk.

Nur zwei Tage später waren an einem Vormittag Lebenslauf endgültig in Form gebracht und das Anschreiben für die Initiativbewerbung verfasst und im Garten blätterte ich Tee schlürfend die Broschüren durch und machte große Augen bei den Möglichkeiten, die sich auftaten. Zwar träume ich schon lange heimlich davon, einen kleinen Teil meiner Zeit als Sekretärin zu verbringen und mit lackierten Fingern wichtige Anrufe entgegenzunehmen und zu tätigen, in Kalendern rumzurascheln und zu -kritzeln, auf der Tastatur rumzutippern und zwischendurch nicht zu vergessen, den Kaktus zu gießen, aber Büros gehören nicht zu den touristischen Attraktionen der Gegend, weswegen ich wild und euphorisch alles neongelb einkringelte, was auch nur im Entferntesten meine Phantasie ansprach.

So kam es, dass ich am Ende des Tages eine Kräutergärtnerei, ein Altersheim, einen Betrieb der sich mit Bibern beschäftigt, ein Eseltrekkingunternehmen, zwei Naturerlebniszentren, einen Gutshof, der Übernachtungen anbietet, aber auch Mosterei und Apfelweinproduzent ist, eine Wassermühle, eine Käserei, einen regionalen Hofladen, ein Pfarramt, eine Seifenmanufaktur, eine Elch- und Rentierfarm sowie einen Straußenhof, eine Schnapsbrennerei, vier Museen, ein Kloster, eine Bibliothek, ein Stadtarchiv, ein Cafe, einen Bauhandel und einen Seminarveranstaltungsort mit meiner ungefragten Bewerbung beglückt hatte.

Da ich daran gewöhnt bin, dass ich 100 Bewerbungen verschicke, drei Absagen mit fadenscheinigen Begründungen bekomme und alle anderen sich von vornherein ausschweigen, wurde mir schnell etwas mulmig, als noch am selben Tag die ersten Rückmeldungen kamen, darunter eine Einladung/ ein Angebot, und in den folgenden Tagen Telefon und Computer kaum mehr stillstanden. Zum augenblicklichen Zeitpunkt muss ich mir jedenfalls ein Angebot vorerst hinhalten, um weitere drei Gespräche abzuwarten, von denen das erste morgen stattfindet. Es ist die Schnapsbrennerei. Und dann kommt das Naturerlebniszentrum. Und dann die Straußenfarm.

Es kann sein, dass die Thujahecke irgendwo lauert, aber momentan bin ich noch ziemlich guter Dinge und bekomme ganz stark das Gefühl vermittelt, dass es durchaus möglich ist, etwas Geld hier zu verdienen und trotzdem dem nachzugehen, weswegen man sich für ein Leben auf dem Land entschieden hat.

 

 

 

 

 

 

 

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