19- Sträuße, Häuser, Ahnung

Der Sommer eignet sich nicht besonders zum Schreiben. Im Winter hat man mehr Zeit um Kleinigkeiten aufzublasen. Aber jetzt ist der ganze Garten voller Zucchini, die auch aussehen wie aufgeblasen. Und die Tage sind 3x so lang. Die Hühner gehen erst um halb 10 ins Bett (halb 10!), also ungefähr eine Stunde später, als ich mich am liebsten zurückziehen würde, um zu lesen oder in Ruhe mit den Zehen zu wackeln. Ein schwarzes Huhn tut sich besonders schwer mit dem Schlafengehen und dreht immer noch einige zermürbende Runden um die Disteln, Brennesseln und unter dem Hühnerstall entlang, wo man keine Handhabe hat, bevor sie endlich in den Stall flattert. Drohungen, dass es ihr genauso ergehen wird wie Beyonce, dem anderen schwarzen Huhn, das letztens geköpft werden musste, weil sie alt und krank war und einen dreckigen Hintern hatte, beeindrucken sie nicht.

Seit einer Woche haben wir auch 6 neue Hühner, die armen Dinger wurden von den anderen aber alles andere als herzlich aufgenommen. Jetzt gibt es also zwei Gangs von Hühnern und dazwischen Conchita, den kleinen Hahn, der noch nicht genau weiß, wie er sie alle zusammenbringen soll. Ein paar Tage bedurfte es dreier Leute, um die Vögel ins Bett zu kriegen. Jetzt quetschen sich die 6 Neuen in ein Nest und die kleine Ecke darüber. Die anderen lassen sie offenbar nicht mit auf der Stange sitzen. Ich hätte nicht gedacht, dass unsere Hühner solche Nazis sind. Ich bin erschrocken!

Die Babyenten sind mittlerweile riesig und haben Federn und alles was man so als richtige Ente braucht. Ihre Kindheit ging nicht ganz ohne Trauma vonstatten, sie haben ihren Vater Sid bei einem Überfall durch einen Marder verloren, ihre Tante Nancy ist seitdem auf einem Auge blind und sah eine Weile wie eine ganz normale Ente, nicht wie eine Laufente aus, weil sie durch eine Nackenverletzung ihren Hals biegen musste. Als dann alle aus ihren individuellen Intensivstationen entlassen wurden und zusammen auf Lake Mishamosh schwammen, oder wahlweise auf einem kleinen schwimmenden Brett surften, waren die Herzen allerseits wieder leicht und fröhlich. Zwei haben wir trotzdem verloren. Eins bald nach dem Schlüpfen, das andere wer weiß wodurch, man steckt nicht drin in den kleinen Dingern. Man denkt, man tut ihnen was Gutes, aber im nächsten Moment liegen sie halbtot neben dem Swimmingpool auf der Seite und wären die Hummeln und Bienen nicht so laut, hätte man sie sicher röcheln hören.

Vor einigen Wochen waren meine Ambitionen, abends Schnecken einzusammeln noch sehr hoch und die Enten noch sehr klein. Ich habe ihnen ein paar kleine Schnecken gegeben und habs wirklich nur gut gemeint, aber eine halbe Stunde später hing das eine Baby mit verklebtem Mund neben ihrer Schwimmschale und musste die Nacht über in Intensivstation. Die Nacht davor war schon eins der Geschwisterchen in Intensivstation, weil Uwe-Bob der Meinung war, es hätte ein Bein gebrochen, weil Madame Fondue, die Mutter, ständig auf ihm rumtrampeln würde. Einer der beiden Gärtner, die hier manchmal helfen, meinte zur Ursache des Unwohlseins der Babyente, sie sei „wohl zuviel im Wasser gewesen“. Das fand ich irgendwie eine gute Erklärung. Ich war eher erstaunt darüber, dass das Tier die Intensivstationsmaßnahmen Uwe-Bobs überlebt hat, in einer grünen Gemüsekiste mitsamt Wärmflasche, Heu, einer Schale Futter und den Schnabel in eine Schale Wasser gehängt, dazu eine Wärmelampe, aber nach 2 Stunden gings ihm schon wieder ziemlich gut und hüpfte aus der Kiste. Da hab ich ein Handtuch drübergelegt und mich am nächsten Morgen nicht getraut nachzugucken, als ich nicht mehr dieses herzzermalmende Fiepen gehört habe wie am Vorabend und kein Heugeraschel. Hat aber nur geschlafen und war dann wieder gesund. Genauso ging es auch mit der, die sich mit den Schnecken ins Koma gefressen hatte. Ein bisschen Ruhe, ein bisschen schlafen und schon ist alles wieder gut.

Schnecken sammeln war so eine Sache, bei der ich einen sehr unerwarteten, dafür umso heftigeren Ehrgeiz entwickelt habe, für ungefähr eine Woche. Ich bildete mir ein, nachvollziehen zu können, wie käsegesichtige junge und alte Menschen an Videospielen hängenbleiben können, weil sie irgendetwas treffen, umschießen, plattmachen, zerquetschen, Geräusche machen. Auf Schneckensuche mit einem von der vielen Sucherei schon ganz harten rosa geblümten Handschuh und einem alten Kochkäseeimer hatte ich jedenfalls bei jeder rotbraunen sich daherschlängelnden Wurst ein inbrünstiges innerliches „HA!“ und der dumpfe Ton, den der Aufprall in den Eimer gemacht hat, brachte eine eigentümliche Zufriedenheit mit sich. Dennoch schneller als man denkt, muss man die Schnecken auf dem Weg aus dem Eimer zurückschubsen und dann ist immer noch die Frage, was man eigentlich am besten mit ihnen tut, wenn man den Eimer voll hat. Aber bevor das zu einem ernsthaften Problem werden konnte, habe ich den Teil des Gartens innerlich einfach ein bisschen aufgegeben, in der Gewissheit, dass er in Zukunft eh mehr ein Wald als ein Gemüsegarten werden soll. Es handelt sich um ein Stückchen, das auf der gegenüberliegenden Straßenseite angesiedelt ist und von den Laufenten nicht bearbeitet wird, eben deshalb, obwohl es dort die meisten Schnecken gibt und die Laufenten ja extra deswegen eingestellt wurden. Aber die kleinen Purzel mit ihren Bürzeln wachsen einem ja auch ohne Erledigung irgendwelcher sinnvollen Aufgaben ans Herz und man freut sich einfach, wenn sie leben und aufgeregt sind und sich um eine Schnecke streiten.

Vögel, Schnecken, vom Benehmen der Katzen im Sommer habe ich ja noch nichtmal angefangen zu berichten, aber manch einer fragt sich oder fragte mich, wie es denn um den Hausbau steht.

Darauf kann ich momentan nur mit Donna Tartts Worten antworten, aus ihrem, meiner Ansicht nach, zu Unrecht verunglimpften Buch, „Der kleine Freund“:

„;und wenn sie auch nicht genau hätte sagen können, was sie tun wollte, wusste sie doch, dass es etwas Großartiges und Düsteres und äußerst Schwieriges war.“ Sie schreibt zwar nicht darüber, worum es eigentlich gehen sollte in ihrem Buch, das allerdings macht sie total gut und viele andere ja auch nicht anders und das beiweitem nicht so gut.

Zurück zum Häuschen. Ich habe das Fahrgestell mit einer Drahtbürste entrostet und einem Rostschutz eingepinselt, ein paar Löcher gegraben, um die Hanglage auszugleichen und mit Hilfe von Uwe-Bob und zwei freiweilligen Helfern diesen Container mit Taubenstall befüllt. Passte genau!CAM01197

Und dann auch noch in meiner Lieblingsfarbe.

Naja, der Container und der Taubenstall sind lange weg, das Haus noch lange nicht da. So gut und rasant es begann, so scheint momentan der Zeiger auf Pause zu stehen und ich bemühe mich, mich dem zu fügen. Hab auch keine Wahl, weil zu wenig Ahnung und Arme. Ahnung habe ich übrigens auch keine vom Zusammenstellen von Blumensträußen. Meine Talentlosigkeit in dieser Hinsicht hat mich etwas überrascht, ist aber unbestreitbar.

Eine kleine Reise nach Westdeutschland, meine Wohnungsauflösung in Berlin, die Ende des Monats dann endgültig vollzogen wird und diverse Besuche hier, haben mich beschäftigt, aber auch und vor allem die zahlreichen Dinge, die der Garten so macht.

Der Garten hat Johannisbeeren, Aroniabeeren, Himbeeren, Rhabarber, Mangold, Möhren, Radieschen, Salat, Buschbohnen, Puffbohnen, Feuerbohnen, Erbsen, Kümmel, Zwiebeln, Baumspinat, Kräuter, rote Bete, Zucchini, Gurken, Tomaten, Hirse, Mais, Quinoa, Paprika, Kohl, Broccoli, Lupinen, Basilikum, Kürbisse, Pflaumen, Renekloden, Äpfel, Melonen, Knoblauch und Kartoffeln gemacht.  Genau, darum hörte man länger mal nichts.

Seitdem die Gemüsesituation jetzt so aussieht, bin ich stetig bemüht, so viel wie möglich von all dem haltbar zu machen. („Einmachen statt rummachen!“ sagte eine Freundin, die zu Besuch war.) Bisher gibt es natürlich Senfgurken, eingelegte rote Bete, Tomatenpassata, Tomatillosoße, Pastasoße, Zucchinisuppenbasis, Tomatenaromaessig, Johannisbeermarmelade, Basilikumpesto, Brennesselsamen und -tee von meiner kleinen Brennesselfarm, Lavendelsirup und verschiedene getrocknete Kräuter. Schneidebohnen blubsen in der Küche in einem großen Gärtopf vor sich hin und die Hälfte des Eisschranks besteht aus Möhren. Morgen, wenn ich mich traue, mache ich den Keller sauber, damit die ganzen vielen Gläser sich wohl fühlen da unten. Hach, aber wenn ich nur dran denke, sehe ich die Nachtruhe schwinden….Der Keller wird von 2-4 sich abwechselnden superdicken und mega stabil aussehenden Kellerspinnen bewacht. Es gibt kein Licht. Und an einer Stelle habe ich etwas von der Decke hängendes gefunden, was aussieht wie die Überbleibsel eines Spinnenkokons. Da hängen weiße Hüllen in Form von extrem großen und dicken Spinnen. Einfach so. Ich wollte direkt loskotzen, aber es ging nicht vor lauter Schreck. Gut, das ist jedenfalls meine Challenge diese Woche, und wenn ich es geschafft habe und alle Möhrchen friedlich in ihren Sandkisten überwintern, dann werde ich zufrieden sein und das wird schön.

Ob ich es schaffe, erfahrt ihr beim nächsten Mal.

Cliffhanger üb ich auch bis dahin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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