18- Im Puffzimmer

Jetzt ist es raus. Das Brandenburger Fenster. Für die ganze verrückte große Internetwelt. Ich wurde von so vielen Seiten ermutigt, dass ich beschlossen habe, die Selbstwahrnehmung mal ruhen zu lassen. In der Zwischenzeit sind Uwe-Bob und ich stolze Entenbabyeltern geworden, meine Brüste sind gewachsen,ach Quatsch, natürlich nicht, aber im Internet muss man doch ein bisschen für Furore sorgen. Dafür sind die Entenbabys bestimmt sehr gewachsen, seitdem ich das letzte Mal bei Uwe-Bob war. Das war vor 2 Wochen. Laufentenbabys sind auch nicht weniger süß als andere Tierbabys und man kann herrlich den ganzen Tag Kaffee trinkend, starrend, gelegentlich juchzend, fotografierend und filmend den Tag vor ihrem Gehege verbringen. Wenn man nicht gerade einen Taubenstall abreißen muss, um ein tinyhome darauf zu bauen. Entgegen trübsinniger Prognosen von Seiten des herrschaftlichen Nachbarhauses, das Abreißen würde ein halbes (!) Jahr in Anspruch nehmen und anderer niederschmetternder Beurteilungen, habe ich mit Hilfe dreier wahnsinnig gutaussehenden und schlauen Freunde innerhalb eines Tages alles geschafft. Peng.

Ich habe 2-3 Tage gebraucht, um mich wieder zu beruhigen, wie gut das alles geklappt hat und wie toll diese Menschen waren und sind. Freunde sind einfach das aller, allerallercoolste. Auf dem Heimweg war glaube ich Pfingsten, und vor diesem einen Bahnhof habe ich ja ohnehin so Angst, dass ich mir jedes Mal, wenn ich dort umsteige, ein Kinder-Maxi-King kaufen muss, um mich zu trösten, während ich die Zeit überbrücke. An ausgerechnet diesem Pfingstmontag schienen aber wirklich sämtliche Pornoamateure und Reality-TV-Show-Teilnehmer unterwegs zu sein im Regionalzug. Pflanzen und Tiere sind so erholsam.

Aber den Taubenstall abzureißen, das war nur ein kurzer Wochenendausflug von meinem momentanen eigentlichen Aufenthaltsort, wo es im Gespensterschloss dieses lustige Zimmer gibt, das Lea nicht wirklich liebevoll, aber ich sage trotzdem liebevoll, „Puffzimmer“ nennt. Eine verrückte Frau von Soundso hat in dem winzigsten all der Gebäude auf dem Gelände gewohnt, bevor es in die Hände des heutigen Besitzers kam. Diese Dame hatte neben psychologischen Schwierigkeiten auch eine große Leidenschaft für die Malerei und hat in dem kleinen Saal verschwundene oder niemals vorhanden gewesene Türrahmenverzierungen gemalt, oder auch einfach ein paar romantische Kringel mit Leoprint über die Leotapete im diesem seltsamen, mit Teppich ausgelegten Zimmer. Im Puffzimmer, ich könnte es am laufenden Band sagen, Puffzimmer Puffzimmer Puffzimmer so wie Drojerie, da hab ich 2 Nächte verbracht, in diesem einen bewohnbaren Flügel des Hauses. Zum Tatort gucken oder zum Brandenburger Fenster abschicken. Auf dem Weg zum Eingangssaal steht ein altes, kaputtes, an die Wand gelehntes Klavier, da kann man immer einmal dran entlangschrammen wenn man vorbeigeht und gruselige Geräusche produzieren und dazu kichern. Außerdem ist es auch ein Zimmer, das eine Art Gästezimmer für viele verschiedene Menschen ist und auch deswegen ein kleines Puffzimmer ist.

Es gab viele heiße Tage, wir haben viel auf diesem verrückten waldumrandeten Acker gepflanzt, zum Feierabend an den Rand gepinkelt, um Rehe und Wildschweine abzuhalten und einen Stempel unter unsere Arbeit zu setzen. Ist eine gute Art, einen Arbeitsschritt als beendet zu markieren, leider nicht einfach übertragbar für das Stadtleben. Den Tunnel haben wir mittlerweile auch bepflanzt, 10 oder 12 Meter, und es war unglaublich, wie groß und stark die Tomatenpflanzen schon geworden sind innerhalb der wenigen Tage, die ich zum Taubenstall abreißen weg war.

So vergehen die Tage mit vielen kleinen und großen Aufgaben, die niemals zu enden scheinen und ich lerne und schwitze und hab Erscheinungen im Körper die ich nicht immer verstehe.

Manchmal haben auch alle schlechte Laune, weil es ja mehrere Menschen in einem Projekt auf dem Land sind und das oft schwierig ist, weil es immer mehr zu tun gibt als man schaffen kann, weil mancher Leute Kinder oft mies gelaunt sind, weil so viele Leute manchmal da sind, dass es schwierig wird, genug Zeit für sich selbst zu finden, weil es eine Person gibt, der alles gehört, aber ich hab eigentlich keine schlechte Laune, sondern absorbiere maximal vorherrschende Stimmungen und leide höchstens mit.

Dann war die Brandenburger Landpartie und da kommen ernsthaft Leute über 60 oder 70, wer weiß das heute schon noch so genau mit den Cremes und Methoden, und tragen an einem warmen bis heißen Sommertag grüne Gummistiefel und diese furchtbaren Strohhüte und laufen wie so Manufaktum-Schaufensterpuppen-Zombies über das Gelände. Aber da kommen auch ganz viele Leute die billiges Eis teuer kaufen und nett sind und den Tag schön machen. Enden tat der Tag für mich am nächsten Morgen mit zwei Jungs am Feuer, von denen ich mich dann gegen 5 mal endlich verabschiedet und in meinen kleinen Bauwagen verkrochen hab. In so einem Bauwagen wird es morgens ab halb 8 aber auch schonwieder ganz schön heiß, was sich mit am Feuer bis 5 sitzen überhaupt nicht gut verträgt, also hab ich unter dem Apfelbaum an meinem Lieblingsplatz hinterm Gespensterschloss weiter geschlafen. Mit Ohrstöpseln. Frösche und Vögel. Und Sonne. Viel zu laut alles. Auch der Schatten. Irgendwann wurden neben mir Bänke abgebaut und es standen schon wieder Besucher mit in die Seiten gestemmten Händen, sich interessiert umblickend, neben meinem Ausnüchterungsbereich. Es ist nicht leicht auf einem Schloss zu leben! Na, irgendwann nachmittags, als ich wieder ganz gut laufen konnte und meinen Elektrolytehaushalt im Waldlokal wieder in Ordnung gebracht hatte, da war alles wieder schön. Tatort im Puffzimmer und der Montag konnte kommen.

Seit 4 Tagen schlage ich mich in Berlin rum, weil die liebe Sanka Geburstag hatte und diesen zum Glück Aller karaokesingend verbracht hat. Eine proppevollgestopfte Kabine mit entfesselten Menschen und ohne jegliche Luft, denen völlig neue Erkenntnisse erschienen sind („Ich BIN Jon Bon Jovi!“). Ich kann die Karaoke-Therapie nur wärmstens empfehlen.

Ich habe das auch als Gelegenheit genommen, meine Wohnung auszuräumen, die ich Ende letzten Monats gekündigt habe. Nach vielen kleinen Schritten war das ein sehr großer, und es scheint immernoch etwas verrückt, eine Wohnung mit altem Vertrag in Neukölln zu kündigen im Jahre 2017, mein goldenes Ei, das ich all die Jahre so gehütet habe. Ich meins echt ernst mit dem Gemüse und den Entenbabys. Eine der am längsten bewohnten Wohnungen für mich und die Gründe, die mich so stark hüten lassen haben, haben sich im letzten halben Jahr einfach in Luft aufgelöst. Piffpuff.

Eine Woche bin ich jetzt noch im Schloss im Wald, dann gehts zurück zu Uwe-Bob und den Babyenten und meinem ehemaligen Taubenstall.

Die dritte, nach 25 Jahren erschienene, neue Staffel von Twin peaks betreffend, die ich gerade zu gucken begonnen habe, also kann ich auch niemandem was erklären, aber vielleicht mir jemand, in jedem Fall mag ich, dass am Ende immer eine Band in der BangBang-Bar spielt und die hat mir bisher am besten gefallen:

 

 

 

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