17- Schlosshühner und Angstschafe

Ich sitze dort, wo auf dem Bild links neben der Weg ein Baum zu erkennen ist. Das ist mein Lieblingsplatz. Hier gibt es nichts außer Grün, hinter mir einen Teich, wunderschöne prächtige alte Bäume, Vogelgezwitscher und gelegentlich quakt ein Frosch. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint und ich habe den besten Platz im Schatten gefunden. Seit einer knappen Woche bin ich jetzt auf diesem Anwesen hier und habe bisher eine sehr gute Zeit. Mit Lea und Max fühle ich mich sehr wohl, die Kinder tolerieren mich immerhin meistens. Kurz vor mir sind 300 Hühner angekommen, die seitdem den Verlauf der Tage maßgeblich bestimmt haben. Die Nester mussten noch zu Ende gebaut werden und ich war glücklich, mich ein wenig mit Akkuschrauber und Säge betätigen zu können, bevor ich mich daran mache, ein Häuschen zu bauen. Als ich und der Akkuschrauber uns dann schnell aneinander gewöhnt hatten, wusste ich auch, warum man die so selten in die Hand bekommt, wenn man nicht ausdrücklich danach fragt: Es macht nämlich total Spaß.

Da die Hühner früher da waren als Käufer für die Eier, habe ich mich der Aufgabe gewidmet, Schilder zu malen, eine Verkaufsstation an der Hofeinfahrt einzurichten und eine Promotiontour durchs Dorf zu starten und jedem Haus ein Probier-Ei + Flyer in die Hand zu drücken. Das hat seine Wirkung nicht verfehlt und wir haben schon 3 Packungen verkauft! Sogar Besuch hatte ich schon! Henriette und ich sind am Vatertag zum nahegelegenen See durch den Wald spaziert und haben beim Waldlokal ein Plakat für die Brandenburger Landpartie am 10. Juni und natürlich Werbung für die Schlosshuhneier aufgehängt und einen Spaziergang durch den riesigen schönen Wald angeschlossen.

Da die Hühner viel Aufmerksamkeit benötigen, haben die Pflanzen bisher etwas gelitten, was Lea und ich seit ein paar Tagen aber ändern und endlich ein paar Sachen in den Boden gebracht haben auf dem Acker. Die beiden haben nicht wenig Land gepachtet und 5 Hektar sind von Wald umsäumt und werden nun nach und nach in Handarbeit oder auch mit einem sehr schwer zu fahrenden Schmalspurtrecker bearbeitet. In Vorbereitung auf die Brandenburger Landpartie habe ich zahlreiche Büschel Oregano geerntet und zum Trocknen ausgelegt, um dann ein paar Tütchen verkaufen zu können. Das kann man ganz gut machen wenn es so heiß ist, im Schatten sitzen und Oregano zerbröseln. Sonntag habe ich Wandertag gemacht und bin 2 Stunden relativ planlos durch den Wald getrapst, konnte aber mal ein paar Telefonate erledigen, weil das Netz da komischerweise total gut ist. Überweisungen zu machen ist für Max und Lea nicht ganz so einfach, wenn man kein Netz hat, aber seine TANs auf’s Handy geschickt bekommt. Einer fährt also in den Wald, empfängt die TAN, notiert sie, ruft auf dem Festnetz auf der Sonnenburg an, wo der andere vorm Computer sitzt und die TAN eingibt. Puh!

Ich habe lange lange lange niemanden getroffen im Wald, nur ein paar Häschen und ein paar Rehe, die sich lange Zeit unbeobachtet gefühlt und in einem Tümpel etwas Abkühlung gesucht haben. Naja, ich hab jedenfalls irgendwann den Weg zum Waldlokal von der anderen Seite gefunden und mich über die dortige Gepflogenheit gewundert, zur vollen Stunde auf einem Horn rumzutrompeten, irgendwas zu jodeln und allen Gästen aus einem Feuerlöscher mit Sprühaufsatz Schnaps in die weit geöffneten Rachen zu sprühen. Alle Gäste schienen schon vertraut mit diesem Ritual und legten gehorsam den Kopf in den Nacken. Ich habe mich, wie man sich denken kann, mit schiefen Augenbrauen und runterklappter Kinnlade staunend umgeschaut und mir gedacht, dass es wirklich unglaublich ist, was sich die Leute so als angemessenen Anlass zum Alkoholkonsum einfallen lassen. Es hat zur vollen Stunde geschlagen. Na dann mal gute Reise. Also gut. Im Waldlokal gibt es alles mit Wildschwein – und Nutellastulle! Ein toller Laden! Ich hatte ein nettes Paar kennengelernt, die mich eingeladen haben zusammen mit ihnen zu essen. Nachdem wir uns verabschiedet haben, bin ich ein Stückchen um den See gelaufen, habe alle Hüllen fallen lassen und bin durch den See geschwommen. Ganz allein. Konnte mir Gedanken an den Schlachtensee nicht verkneifen und hätte vor Freude wahrscheinlich gepinkelt, wenn das während des Schwimmens gehen würde, dass ich einen ganzen Waldsee für mich allein hab. Für den Heimweg habe ich mir noch ein billiges Erdbeereis teuer gekauft und war ganz erschöpft von meinem Wandertag, außerdem war es sehr heiß und selbst im Schatten an meinem Lieblingsplatz war es unerträglich. Umso besser wenn es ein altes Gemäuer gibt, in dem es garantiert kühl ist und wo man ein Nickerchen halten kann, nach so vielen Abenteuern im Wald.

Am Abend kam noch ein Mann und hat die drei fetten Schafe geschoren, die hier abends immer rumlaufen. Ich dachte bis dahin, die hätten einfach richtig viel Wolle auf dem Leib. Aber nachdem der Schafscherer fertig mit den Dreien war unter wildem und kontinuierlichem Fluchen („Du fettes Arschloch komm her du dicke Sau!“) stellte sich heraus, dass die drei zwar einen ansehnlichen Haufen Wolle hinterlassen hatten, aber nicht besonders viel dünner als vorher im Erscheinungsbild waren. Man sieht jetzt nur besser wie unglaublich fett sie tatsächlich sind. Keine Ahnung wo die herkommen und wie die so dick geworden sind, an den Brennesseln hier kanns jedenfalls nicht liegen. Die hatten ordentlich Angst vorm Scheren, die Armen.

Letzte Nacht gab es nach all den heißen Tagen ein Gewitter. In dem kleinen Bauwagen, in dem ich gerade schlafe, ist das natürlich nochmal extraaufregend und sehr gemütlich. Überhaupt flippe ich schon die ganze Zeit über die Gemütlichkeit in dieser kleinen Hütte aus und freue mich umso mehr auf den Bau meiner neuen Behausung. Es gibt immer mehr zu schreiben als ich in der Lage bin, aber da gerade schonwieder das nächste Gewitter im Anmarsch ist, laufe ich jetzt nochmal schnell rüber ins Gespensterschloss und schicke diese Nachricht ab.

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