16- Hausaufgaben

Meine Familie hat bisher nicht durch Wagemut und Abenteuerlust von sich Reden gemacht soweit ich weiß, und vielen von euch habe ich meine große Neuigkeit schon mitgeteilt, aber hier nun für alle zum Jubeln, Kopfschütteln oder wasauchimmer:
Vor Kurzem haben Uwe-Bob und ich beschlossen, dass ich mir ein tinyhouse* in seinem Garten baue. Schon ein paar Mal gequiekt, aber jetzt nochmal und laut für alle:
QUIIIEEEK!
Genau genommen war da der erste Mai und als wir nun so schön beschlossen hatten, hatten wir natürlich auch was zu feiern, aber keinen Sekt. Und keinen Späti. Aber es gibt ja zum Glück Nachbarn. Wir haben uns zu den Hippies rübergeschlichen und eine Flasche Sekt aus der Draußenküche geklaut, Uwe-Bob geklaut, ich Schmiere gestanden, Uwe-Bob zwei neue Wörter gelernt. 2 Stunden später hatte Uwe-Bob eine neue Frisur (amisch) und wir hatten schon eine schöne Karaokesession gemacht und ich war mir nochmal ganz viel sicherer, dass das alles schon so seine Richtigkeit hat. Dann hatte ich erstmal ganz schön viel zu überlegen und tun fortan und das hört vermutlich auch für eine ganze Weile nicht auf, aber das macht überhaupt nichts, weil es unheimlich viel Spaß macht. Als wir dann nicht mehr ganz so aufgeregt waren ein paar Tage später, haben wir in einem unbemerkten Moment auch noch Geld in die Küchenkasse gelegt.

Ein paar Tage in Berlin und als ich wiederkam, waren aus allem Löwenzahn Pusteblumen geworden.
Seit dieser Entscheidung sind erst 14 Tage vergangen wie ich gerade merke, aber ich kann mich heute schon Besitzerin eines Anhängers nennen, der der Unterbau für mein Häuschen wird und außerdem habe ich auch schon einen Nachttopf, einen Nussknacker, ein Brotmesser, einen tollen Eimer und eine Badewanne.
Es wurden bereits ein paar Fragen laut, z.B. wie ich denn jetzt plötzlich zu dieser Entscheidung gekommen sei. Das kann ich euch erzählen. Also da hab ich sonntags in der Sonne gesessen und mich gefragt, worauf ich denn jetzt eigentlich so genau noch warten soll. Darauf fiel mir keine Antwort ein. Das war schonmal ganz gut und die Sache fast klar. Dann hab ich mir aber trotzdem noch ein paar andere Fragen gestellt. Zur Sicherheit. Ob ich eigentlich irgendwas so richtig doll vermisse in Berlin. Eigentlich nicht. Außer einigen Menschen. Schon. Aber nichts was ich mit gelegentlichen regelmäßigen Besuchen nicht bewältigen könnte. Und ob jetzt noch irgendwas besseres kommen könnte. Klar, realistischerweise aber erstmal ganz lange überhaupt nicht. Die Antworten addiert zu dem, was sich an inneren Prozessen so abgespielt hat seit Jahresbeginn („Prozesse“ hab ich gelernt bei den Hippies nebenan im Gutshaus, die haben auch immer ganz viele miteinander, neben „Ritualen“, „Seminaren“, „Kakaositzungen“ und „Schwitzhüttenretreats“) und zuvorderst die Tatsache, dass ich unheimlichen Spaß an dem Leben hier habe. Und ich glaub das ist ja immernoch das wichtigste von allem. Dass man glücklich ist.
*Andere Leute fragen sich, was zum Teufel überhaupt ein tinyhouse ist. Es ist ein winziges Haus, so zumindest die direkte Übersetzung. Wie das dann im Einzelnen aussieht, das könnt ihr euch entweder selber ausmalen oder in einem Buch oder im Internet angucken oder andere Leute fragen. Wie meins aussehen wird, weiß ich zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht genau, die Vorstellungen drehen gerade noch völlig frei.
Auf einem Anhänger wird das Ganze gebaut, weil der Räder hat und ich damit die Schwierigkeit umgehen kann, eine Baugenehmigung einholen zu müssen. Viele Leute die solche Häuser bauen, wollen damit mobil sein. Das will ich zwar nicht so dringend, kann aber auch nicht schaden.

Am 22. Mai fahre ich trotz meines Bauvorhabens wie geplant zur nächsten und letzten Station und werde dort für einen Monat sein, worauf ich mich sehr freue. Es ist ein bisschen traurig, dass ich meine Zeit dort nun um einiges verkürze, aber ich will noch im Sommer mit dem Bauen beginnen und bin gleichzeitig froh, noch auf ganz anderen Wegen unterwegs zu sein, vorher etwas Pause und Puffer und nichts mit meinen momentanen Plänen alltäglich zu schaffen zu haben. Auch dort ist Besuch meines Wissens nach sehr willkommen. Wer also Lust auf einen Ausflug auf ein altes Rittergut hat und sich über einen den Anklängen nach fantastisch schönen Wald freut, kommet her!

Was sonst noch so los ist?
Madame Fondue, eine von den beiden Laufenten, brütet gerade ein paar Babys aus. Sie sieht wunderschön aus, wie sie auf ihren neun Eiern thront.
Der Garten ist voller Tulpen. Das ist ebenfalls wunderschön. Sogar noch etwas wunderschöner. Ich habe vorher nämlich noch nie fast schwarze Tulpen gesehen.
Dicke Mücken kann ich seit Bullerbü mit der linken Hand fangen und mittelgroße Spinnen seit gestern mit der rechten platt schlagen.

Und ich habe eine neue Freundschaft geschlossen. Er heißt Herr Schnuppke und ist 87 Jahre alt geworden letzten Sonntag. Er ist der älteste Mann im Dorf. Auf meiner Suche nach einem geeigneten Untersatz für mein Häuschen, bin ich zu allererst zu ein paar Nachbarn gegangen, um sie zu fragen, ob sie mir bei der Suche nach einem Anhänger helfen können. Da war ich bei Tom, dem Mann mit dem Gewehrkeller, der gerade aus seinem einwöchigen AIDA-Kreuzfahrturlaub mit seiner schönen Frau Christa zurückgekommen war, mit der ich aus der Ferne zum Glück immer verwechselt werde. Barbusig wie er hoffentlich nur noch aus leidenschaftlichen Urlaubsgefühlen heraus im Garten stand, verwies er mich gleich hilfsbereit an den Jäger, der mich bei meinem Unfall im Winter mit dem Reh schon nicht retten konnte, in diesem Fall allerdings ein totaler Volltreffer war. Ich bring die Tage schon etwas durcheinander, aber wenn ich das nicht extra anmerke, würde es wahrscheinlich niemandem auffallen. Ich war jedenfalls unterwegs auf Anhängersuche bei Nachbarn, bin rechts bei der Kirche abgebogen zu Herrn Beuthe, dem Mann der sein Pferd nicht ordentlich hält im Winter. Zu dem wollte ich, weil ich gehört habe, dass der ordentlich was zu melden hat im Dorf, aber der rollte gerade an mir vorbei in einem viel zu kleinen Auto und gab dann den Blick auf Herrn Schnuppke frei. Der sitzt in 4 von 5 Fällen auf seiner kleinen lila Plastikbank vorm Haus und ist schon ganz braun, obwohl die Sonne noch gar nicht geschienen hat dieses Jahr bis vorgestern, einfach nur weil er so konsequent auf seiner Bank sitzt und auf Gesellschaft wartet. Manchmal treffen die Jungs sich auch am Stromkasten auf der Ecke, 3 Meter von Herrn Schnuppke’s Bänkchen entfernt. Kaum versieht man sich, sitzt man schon auf diesem Bänkchen im tollsten Plausch. Na, an dem Nachmittag haben wir jedenfalls eine Runde ums Haus gedreht, warum wusste glaube ich keiner von uns beiden, es sei denn, Herr Schnuppke war ernsthaft auf der Suche nach kleinen Katzenbabys und nicht nur interessiert daran, mich durch Gestrüpp und Gemäuer zu lotsen, die er nicht mehr begehen kann. Das einzige was sich finden ließ, war eine Katzenleiche im fortgeschrittenen Stadium.
Wie dem auch sei, als ich am nächsten Tag mit einem Bollerwagen ein paar alte Fenster abholen wollte, hat er mich mit einem tollen Spruch direkt abgefangen („Sie fragen sich sicher warum ich so schick bin heute!“) und nachdem ich mit meiner Vermutung auf „Weil Sonntag ist!?“ falsch lag und mir die richtige Antwort „Geburtstag“ vorgesagt wurde, ging alles ganz schnell. „Wolln‘ Sie’n Schnaps, Mädchen?“ Klar! Natürlich nicht! Aber wie kann man da nein sagen? 5 Minuten später saß ich mit einem daumengroßen Fläschchen St. Hubertustropfen auf der Faust mit Herrn Schnuppke auf der kleinen lila Bank und dann kamen noch ein paar andere vorbei. Eine Frau mit Rollator blieb einen langen Hubertustropfen lang stehen, dann noch ein anderer, der in der „Tierproduktion tätig ist“, na jedenfalls dauerte das mit dem Fenster abholen alles etwas länger als geplant und am späten Mittag erst hatte ich meinen Rhabarberkompott als Dankeschön abgestellt und die Fenster nach Hause gezogen.
Von Babykatzen weiterhin keine Spur.

Also gut, worauf ich hinaus wollte, war ja eigentlich, was ich schon alles für mein Häuschen zusammenhabe. Und meine Reise durchs Dorf hat mich dann schlussendlich zu dem Jäger geführt, der mir in der Zeit, in der er 5 Zigarillos Kette geraucht hat, versichern konnte, dass er sich umhören wird.
Zwei Tage später hatte er auch schon etwas aufgetan und als ich zurück aus Berlin gekommen bin, stand er Freitag Abend in der Hofeinfahrt, brüllte „Mädchen, zieh dir was über und komm!“ und dann sind wir zum übermorgen Exbesitzer meines neuen Hausuntergrunds gefahren, Feldweg in die andere Richtung runter und um die Ecke. Skurriles Gelände. Bisschen quatschen, Handschlag und ein Ding gekauft, das im Internet für das Dreifache angeboten wird und sogar ein Eckchen billiger war, als ich mir als Obergrenze gesetzt hatte. Die Tatsache, dass ich Dienstag früh mit dem Jäger und seinem Trecker dahin fahren und das Ding hierher transportieren kann, macht alles natürlich immens einfacher, als einen Anhänger zu erstehen, der zugelassen, angemeldet, getüvt und auf wundersame Weise transportiert werden muss. Ich habe richtig richtig Glück gehabt. Ja auch nicht schon immer, aber gerade ist so wie auf einem Einhorn einen Regenbogen entlanggaloppieren mit Funkelregen. Mückenstiche bleiben trotzdem nicht aus und das ist auch in Ordnung. Ein Jucheh auf die Nachbarschaft! Sage ich jetzt erstmal so.
Samstag bin ich mit einem Teil der Hippies, namentlich Tim und Ida und ihrem Baby ein paar Dörfer von hier zu einem Hofflohmarkt gefahren, der in der Zeitung beworben worden war. „S. mistet aus!“ Das klang vielverspechend fand ich, und stellte mir vor, wie sich alte Bauernhöfe nicht über ihre Schätze im Klaren sind und sie mir alles für 2 Euro verkaufen. Da kam die überspannte Städterin zutage. Die S.er haben den beschissensten Scheiß aus ihren Wohnzimmern, Kellern und fragwürdigen Ecken geholt, der Anblick war kaum auszuhalten. Trotzdem war das ein sehr schöner kleiner Ausflug und die S.er sind sehr gesprächige Leute. Woher die Rede von den schwierigen und verschlossenen Brandenburgern kommt, weiß ich zu diesem Zeitpunkt jedenfalls nicht. Fast jede Begegnung birgt gleichzeitig ein entweder informatives oder interessant/lustiges Gespräch, zahlreiche Ausnahmen warten sicherlich noch auf ihren Moment.
Tim, den ich bisher selten gutgelaunt erlebt hatte bis dahin, war in großartiger Plauderlaune, was sich für so einen Bummel durchs Dorf natürlich sehr gut gemacht hat. Er hatte einen flotten Spruch für jeden, den wir auch nur gestreift haben („Wie kann ich Ihnen helfen?“ „Wieviel kostet die Kasse?“) und wir haben große Augen gemacht, angesichts der Auswahl und Präsentation der Waren. Bundeswehrteddybären, verschiedenfarbige Notenständer, Diät- und Briefwaage in einem, ungefähr 100 Meerschweinchenhäuser auf einmal, lauter Zeug bei dem man sich fragt, wie es dazu kommen konnte, wie es seinen Weg in die Welt als Ding gefunden hat. Besonders gut sortiert war ein Haus mit einem Haufen altem Gartenwerkzeug, dahinter einem geöffneten Kofferraum voller Spielzeuglastwagen, hübsch drapiert und in der dahinter liegenden Garage Strickwaren auf der linken Seite und Kriegsgroschenromanen auf der rechten. Die Richtungen jedenfalls instinktiv richtig aufgeteilt. Den größten Eindruck hat ein Stand hinterlassen, wo ein junges Mädchen in Hotpants und Winterjacke (es ist diese Jahreszeit) hinter einem kleinen Klapptisch voller Spielhubschrauber saß und Blumenkränze aus Löwenzahn flocht. Als Tim sie gerade in ein fröhliches Gespräch verwickelte, hielt ein Auto, überhaupt schienen die meisten diesen Hofflohmarkt als Drivethru zu begreifen. Da hält jedenfalls so ein junger Typ der aussieht, als würde er gerne Limp Bizkit hören, hat eine Frau auf dem Beifahrersitz und fragt dieses blumenkranzflechtende Mädchen, ob sie noch ein paar Helme hat. Helme, finde ich ja schon immer toll, viel besser als Hüte, Tim offenbar auch und fragt sofort, was denn für Helme und der Typ schleudert  „erster zweiter Weltkrieg, da steh ich voll drauf, ist mein Hobby, hatte die ganze Hütte voll mit dem Zeug, aber jetzt verkauft weil Platz und Geld für das Baby machen“ streicht über den Bauch seiner Begleiterin und da dachte ich still und leise, herzlichen Glückwunsch und gute Reise.
Das Mädchen mit den Blumenkränzen und Hubschraubern hatte auf jeden Fall den besten Stand und das hat Tim ihr zum Glück auch gesagt. Auch ohne erste Weltkriegshelme.
Zu unserem Glück gibt es in S. auch einen ziemlich guten Trödelladen, wo Uwe-Bob schon (nicht nur) einen Harald-Glöckler-Kronleuchter für das Chateau Bungalow (wie das neue Gewächshaus/halbe Draußenküche nun heißt) gekauft hat und ich kurzerhand auch schonmal ein bisschen für mein Häuschen eingekauft habe.
So kam ich zu Pipitopf und anderen wichtigen Utensilien. Hat alles einen tieferen Sinn, auch wenn Uwe-Bob gerade befürchtet, noch mehr Land kaufen zu müssen.
Wie groß das Haus wird? 8X2,5 oder 6×2,5. Veranda drumrum. Schaukelstühle nehme ich ab sofort entgegen. Hilfe auch.

In einer Woche ziehe ich dann also nochmal kurz um, da ist komplettes Funkloch und wenn, dann mal polnisches Netz. Wer mir also noch eine sms schreiben möchte vorher, der lasse sich im Laufe der kommenden Woche aus und sei fortan nicht beleidigt.

Leben macht glücklich – lasst euch das gesagt sein.

 

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