13- Heile Welt

Vor einer Woche bin ich in meinem Probejahr eine Station weitergerutscht, habe Uwe-Bob verlassen und bin nun in einer Familie und völlig anderen Welt. Um nochmal einen kleinen Überblick über Menschen, Tiere und Lage zu geben: Ich bin nur ca 15 km entfernt von dort wo ich vorher war und die Familie besteht aus Achim, dem Vater, Christine, der Mutter, und den drei Kinderchen Junge (9) Mädchen (7) und Lieblingsmädchen (5). Es gibt außerdem zwei Pferde, diverse Hühner, von denen ich nur eins beim Namen kenne (Jasmin, die büchst immer aus), drei Meerschweinchen, eins heißt Erika, drei Katzen, einen Hasen mit frischgeborenen Babyhäschen (https://vimeo.com//220633773) und natürlich die Ziegen, über die später berichtet wird. Die Gärtnerei, in der ich jetzt morgens immer arbeite, ist 1 oder 2 Kilometer entfernt und man kann schnell mit dem Fahrrad hinfahren. In die andere Richtung geht es 5 Kilometer eine kurvige und hügelige, mit Birnbäumen gesäumte Straße entlang zum nächsten Dorf. Da ist die Schule, Kirche und natürlich der Konsum.

Im Allgemeinen darf man sich das Leben hier vorstellen wie vor 100 Jahren und noch früher. Alles ist sehr amisch irgendwie. Wir benutzen kaum Strom, kochen mit der Küchenhexe (das sind diese alten Öfen, die mit Holz geheizt werden, Info für Wessis), heizen damit auch das Wasser für den Abwasch, backen Brot, machen Käse, essen was aus dem Garten und dem Keller kommt und zu reiten oder mit dem Pferdewagen zu fahren ist auch nicht selten. Einkaufen tun C&A lediglich Öl, Salz, Sahne und Butter, weil das mit der Ziegenmilch nicht so klappt, und mal eine Packung Kekse. Es gibt auch einen Gasherd, der ist aber zweite Wahl. In der Dusche gibt es warmes Wasser, ansonsten wird das auch vermieden und bei mir oben ist eine Badewanne, für die das Wasser ebenfalls mit Holz geheizt wird, nämlich in einem Badeofen. Auch sämtliche Gerätschaften und Küchenutensilien sehen eher so aus wie Gegenstände, die sich andere Menschen als antike Deko irgendwo hinstellen. Es gibt keinerlei Elektrogeräte in der Küche, keine Bananen und auch sonst kein Nippes. Ich wohne oben auf dem ausgebauten Dachboden, wo ich praktisch eine Wohnung für mich allein habe, einen großen Raum, ein Badezimmer, eine kleine Spüle und direkt unterm Dach eine weitere Ebene, wo ich schlafe und hoffentlich niemals runterfalle. Ich habe auch einen Ofen, aber keinen der die Wärme speichert, weswegen es morgens immer furchtbar kalt ist und ich eine viertel Stunde mit mir ringe, ob ich es wirklich schaffen kann aufzustehen, also die Bettdecke hinter mir zu lassen und mich dann auch noch sofort aus- und umzuziehen, weil ich mich ja als erstes um die Tiere kümmer morgens und das ist nicht gut im Schlafanzug.

Mein Tag sieht nun so aus, dass um 6 Uhr mein Wecker klingelt und ich 10 Minuten mit meiner Bettdecke und meinem Phlegma ringe, dann die Tiere versorge, das heißt Heu für die Pferde holen, den Hasen und den Meerschweinchen etwas davon abgeben, bevor die Pferde den Rest kriegen, dann die Katzen und Hühner füttern und die Ziegen melken. Melken macht mir wirklich Spaß, die Hände müssen sich daran aber auch erstmal gewöhnen und werden schnell schwach und tun weh, aber es macht sich auch eine eigentümliche Zufriedenheit breit, wenn man so ein schäumendes Eimerchen geschafft hat. Beim ersten Mal ist er natürlich umgefallen. Das muss wohl so sein. In der Zwischenzeit machen C&A Frühstück und die Kinderchen sind wach und dann frühstücken wir. Vor jedem Essen wird ein Lied gesungen. 80s-Pop und Techno wurden nun also eingetauscht gegen allerlei Hits aus der Mundorgel. Ich bin auch nach einer Woche noch nicht ganz textsicher, habe aber trotzdem ständig Ohrwürmer von irgendwelchen Feld- und Wiesenliedern. Achim bringt die Kinder dann in die Schule und den Kindergarten. Diese Fahrten zur Schule sind manchmal wohl ziemlich sehenswert: Mir wurde berichtet, dass Achim mit drei Kindern auf einem Fahrrad gesichtet wurde, einem auf dem Rücken, einem anderen auf der Stange und dem letzten auf dem Gepäckträger. Mittlerweile können Mädchen (7) und Junge (9) natürlich selber Fahrrad fahren und derlei Akrobatik ist nicht mehr nötig. Aber Lieblingsmädchn war letztens spät dran zum Kindergarten, da stand sie dann mit gelbfenstriger Skibrille und Mütze in der Küche und ich habe sie gefragt, was sie so vorhat. „Mit Papa auf der Simson in den Kindergarten fahren.“ Ah so.

Ich fahre dann um 8 rum in die Gärtnerei. Der Weg hat nur ein kleines Hügelchen im Gegensatz zu den zwei Bergen, die man Richtung Dorf hinter sich bringen muss. Das Haus befindet sich nunmal in einem Tal. Naja. Wenn man da raus ist, ist einem jedenfalls warm, egal welche Richtung, kann schön durch die Landschaft schauen und an den alten knorrigen Rubinien vorbei und schon ist man da. Da ist die alte Gärtnerei vom Gutshof und dort arbeiten wir dann bis ca 12 Uhr. Der Gutshof wird vom Grafen und seiner Frau bewohnt, einen Schlosshund meine ich auch schon gehört zu haben. Graf und Gräfin scheinen ganz glücklich zu sein, dass Christine sich der Gärtnerei angenommen hat vor ein paar Jahren und haben sie ihr einfach überlassen. Selber machen sie ihre Grafensachen, ziehen Rollköfferchen hinter sich her und tragen dunkelrote Hosen und Geschmeide. Es gibt ein Storchennest in der Mitte der Gärtnerei. Da stochern zwei Storche drin rum und klappern. Manchmal fliegen sie, das sieht schön aus. Christine kommt oft mit den Pferden, damit die etwas Gras fressen können. Sie reitet dann eins und führt das andere, aber sie hat es auch schon geschafft, mit Fahrrad und zwei Pferden zu kommen, vielleicht war Lieblingsmädchen sogar auch noch dabei, ich weiß es nicht und noch weniger, wie man Fahrrad mit zwei Pferden fährt.

Die Arbeit in der Gärtnerei besteht im Moment aus Unkraut jäten, hacken, umgraben, pikieren, topfen, pflanzen, gießen und es gibt auch schon viel zu ernten, weil es zwei Folientunnel und Frühbeete gibt. Also gibt es Spinat, Postelein, Asiasalat, Rucola und Petersilie. Ich habe ja ohnehin immer Hunger, aber ständig von all den leckeren Sachen umgeben zu sein und zu wissen, was da noch alles mehr Leckeres aus der Erde kommen wird, macht die Sache nicht leichter für mich. Es fällt bestimmt nicht allzu schwer sich vorzustellen, wie gut alles schmeckt, was wir hier kochen und essen. Da es eigentlich im ganzen Haus nichts gibt, das in Tüten oder Verpackung war, gibt es 1. natürlich kaum Müll und 2. sagt das alles über die Qualität, Zubereitung und Art der Ernährung hier aus. Ich habe Bärlauchpesto mit eigenen Walnüssen gemacht, einen ganzen großen Korb, den Achim im Wald gesammelt hat und den Bärlauch mit dem Wiegemesser zerkleinert. Dauert, aber macht froh. Ich habe auch zum ersten Mal Ziege gegessen. Bis zum letzten Sommer wusste ich gar nicht, dass man Ziegen essen kann. A. schlachtet die Lämmchen, die dann keine mehr sind, im Herbst und momentan gibt es noch Schinken davon. Hat kein anderes Aroma als Schinken von anderem Fleisch, schmeckt aber eben doch etwas anders und besser, was aber nicht an der Ziege liegt sondern daran, dass er selbstgemacht ist. Mittags essen wir Brot und Christine holt die Kinder ab. Ich bringe dann die Ziegen raus. Die Nachmittage letzte Woche sahen ganz unterschiedlich aus. Dienstag haben wir ein paar Gemüsekisten verteilt, nicht viele, ca 11, und dann hat diese Familie auch ein straffes Freizeitprogramm, das aus Kindersauna, Männersauna, Chor, Kino, Flötenunterricht und vermutlich noch ein paar anderen Terminen besteht, die ich mir noch nicht gemerkt habe. Freitags fahren sie nachmittags zum Konsum, weil sich dann dort das halbe Dorf trifft und sämtliche Neuigkeiten austauscht. Außerdem verkaufen C&A da vielleicht ein bisschen Salat oder ein paar Eier. Letzten Freitag war ich nicht dabei, weil ich ausgemistet habe, aber diese Woche will ich unbedingt mit, das ist einfach zu kurios. Abends kümmer ich mich dann nochmal um die Tiere, hole die Ziegen wieder zurück, melke nochmal und wir kochen und essen.

Sonntags ist Frauensauna auf einem Hof im Dorf. Die haben eine Sauna in den Garten gebaut und es ist fantastisch, Sonntag abends in der Dämmerung dahin zu fahren mit dem Fahrrad. Gestern Abend war es ganz leicht nebelig, die Luft rosa und am Horizont stand ein Reh. Die sind zwar schon lange nix Besonderes mehr, aber wenn es sich so dekorativ in den Sonnenuntergang stellt, guckt man doch nochmal hin. Sich zwischen den einzelnen Saunagängen draußen abzuduschen und dann im Mondlicht zu liegen, ein paar Schafe blöken zu hören und Fledermäuse herumschwirren sehen, das hat seine eigene Qualität. Ich hatte auch zwei Zeckenbisse und um den einen war ein roter Ring. Beim anderen konnte ich es nicht sehen, weil da eine Tätowierung ist, aber der eine Ring reichte ja um zu sehen, dass da was nicht stimmt. Borreliose ist in diesem Teil Brandenburgs wohl so verbreitet wie Burnout im Rest der Gesellschaft. Viel, außer in 6 Wochen einen Test beim Arzt machen zu lassen, kann ich jetzt nicht tun. Falls ich eine Hirnhautentzündung oder irgendeine Lähmung kriegen sollte, wäre das sehr schade, weil gerade alles so nett ist, aber dann kann ich auch nichts dran ändern. Ich habe in der Gärtnerei eine Pflanze ausgebuddelt, kleingehackt, mit Doppelkorn übergossen und davon nehme ich jetzt jeden Tag einen Löffel. Das wird wohl helfen wenn was ist. Wenn nicht: mein Testament liegt in dem kleinen dunklen Schrank rechts neben dem Schreibtisch. Bemerkenswert ist übrigens, dass diese Kinder hier überhaupt nicht schlimm sind. Lieblingsmädchen finde ich ja sogar richtig toll und die anderen beiden sind auch wirklich ok. Ich wusste nicht, dass Kinder nicht anstrengend sein können, dauerhaft. Die streiten sich nicht (also einmal um einen Keks, aber das war nicht der Rede wert), weinen nicht grundlos oder um irgendwas zu bezwecken, tun was man ihnen sagt, fallen fast nie hin (Lieblingsmädchen gestern Abend schon, mit dem Fahrrad ins Kellerloch – „Bin falsch abgebogen!“), hören zu wenn man ihnen eine Geschichte vorliest, quatschen nicht dazwischen, schreien nicht rum, machen keine komischen Stimmen (außer Junge, aber ich glaube seine Stimme ist einfach so), es ist überraschenderweise total angenehm! Ich muss auch nicht mit denen spielen, die beschäftigen sich selber, singen und fahren Fahrrad, spielen Fußball, schaukeln, streicheln die Meerschweinchen und sind gut drauf. So einfach kann das sein. Mir macht es jedenfalls Spaß, denen Geschichten vorzulesen, es ist sehr schön, so dankbare Zuhörer zu haben. Es ist völlig verblüffend.

Dann sind da noch die Ziegen. Erna ist eine sehr widerspenstige und scheue Ziege, die sich nicht gern von fremden Leuten melken lässt, weswegen es einer halben Woche Eingewöhnungszeit und ein paar Tricks bedurfte, bis ich so weit war, wie ich es jetzt bin. Ich dachte anfangs, dass es wochenlang dauern würde, bis ich sie melken kann. Es gibt einen Melkstand aus Holz, in dem die Ziegen gemolken werden, da werden sie angebunden und kriegen etwas zu Fressen solang sie gemolken werden. Erna hat versucht, nach vorne über den Futtertopf rauszuspringen, rumzuzappeln und zu trampeln, dass an melken gar nicht zu denken war, oder sich einfach auf den Arsch zu setzen, sodass man an die gefragten Stellen überhaupt nicht mehr herankommt. Ich bin aber jedes Mal ein bisschen mutiger geworden und habe sie eisern am Euter festgehalten wenn sie vorne durchhüpfen wollte und habe einen Stock hinten am Melkstand befestigt, damit sie sich nicht mehr hinsetzen kann. Seitdem ist das Melken ziemlich schön und stressfrei. Erna hat ein Lämmchen, das heißt Finchen. Finchen springt alles an und überall drauf, knabbert alles an und sobald ich mich hinhocke springt sie auf meinen Rücken. Finchen ist total kühn. Außerdem gibt es noch Gretel, die ist eine sehr liebe Ziege und guckt einen immer interessiert und erwartungsvoll an. Sie hat auch ein Lamm, das heißt Frieder und der steht immer im Weg oder läuft einem vor den Füßen rum. Ich bringe die Ziegen jeden Tag ein Stück weiter weg an einen Feldrand wo sie unter den Weiden Gras fressen, das länger ist als das hier auf dem Hof. Es ist meistens ein ziemlicher Kraftakt, weil sie ständig in diverse Richtungen ziehen und sofort auf der Stelle alles Gras fressen wollen, das am Wegrand steht. Es ist seltsam, dass ich noch nicht umgefallen bin, die Wege mit den Ziegen sind sehr stolperig. Samstag Abend haben wir Lagerfeuer gemacht. Und Stockbrot, das sich hier „Knüppelbrot“ nennt. Wir haben komische Lieder gesungen und Wein getrunken, oder andersrum. Ich kam mir vor wie in dem Zeltlager, bei dem ich nie war als Kind. Gestern ist die Familie ausgeflogen und ich hab im Gras in der Sonne gelegen und es gab nichts außer mampfende Pferde, brummende Hummeln und etwas Rauschen in den Bäumen. Jeder Tag war der schönste Tag, aber das war ganz besonders schön nach dieser außergewöhnlichen Woche.

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