9- Fruchtmumien.

Neben Wald ist eine andere schönste Sache der Welt, sonntags zurück ins Bett zu gehen mit einem Heißgetränk meiner Wahl und zu lesen.Sonntage, ein selbstausgedachter und -gebackener Kuchen mit Schokolade und Mandelsplittern, einen Sonntagsspaziergang am See und ein Wannenbad.

Die Dinge gehen so weiter wie bisher, es ist bloß viel wärmer. Manche Dinge werden immer grüner, oder größer, oder weicher, legen mehr Eier oder beginnen zu keimen und zu blühen.
Ich habe Tomaten und Blumen zum Vorziehen ausgesät, den Garten von Gestrüpp befreit und gestaunt, was darunter alles lebt und grün ist und eine Form hat und mich um alle Lebewesen mit oder ohne Verstand gekümmert, während Uwe-Bob nochmal eine Woche auf Trallafitti war.

Am Dienstag ist Witek auf meinen Schoß gehopst. Das kam ziemlich unerwartet. Ich hab beide Hände hoch in die Luft gehalten, weil ich Angst hatte er würde direkt zubeißen. Ich fühlte mich auch leicht gelähmt. Das ging so 3 Minuten lang, dann habe ich mich etwas entspannt und die Hände langsam sinken lassen. Weitere 5 Minuten später habe ich mich schon getraut, ihn ein bisschen zu streicheln. So am Rücken. Ohne Handschuhe! Ging alles gut. Irgendwann hab ich ihn dannaber doch von meinen Beinen geschüttelt und mir innerlich das berühmte Zitat von Wolfgang Schäuble wiederholt: „You never eat as hot as it is cooked!“

Ein weiterer Höhepunkt meiner Woche war eine Exkursion zum Kuhstall, in dem Anette, Helgas Freundin, arbeitet und mit Helga zusammen bin ich zum Stall gefahren. Ich hatte ja keine Ahnung, wie weich Kälber sind. Wisst ihr wie weich Kälber sind? So weich, dass man es sich fast nicht vorstellen kann. Man will überhaupt nicht mehr loslassen. Katzenbabys und Kaninchen? Pah! Haltet lieber mal nach einem Kalb Ausschau und krault es zwischen den Ohren. Und so schöne Wimpern haben die.
Ok. Aber auch abgesehen davon, war es interessant, sich so eine Kälber- und zukünftige Milch-/Fleischfabrik anzugucken.
Es war nicht so schlimm wie befürchtet, aber ich habe mich ja auch am Anfang der Kette befunden, wo noch alles weich und süß ist und zu leben beginnt. Die kommen je nach Alter von einem Stall in den nächsten, bis sie irgendwann entweder zum Melken an einen anderen Ort kommen oder zu Essen verarbeitet werden woanders.
Eine grüne Wiese sehen sie ihr ganzes Leben nur vom Stall aus, der zwar einigermaßen geräumig ist und eine Art überdachter Offenstall, aber schön ist natürlich was anderes.
So ist es also in einem konventionellen Kuhstall.
Helga ist danach noch auf einen Kaffee mit zu mir gekommen und wir haben gequatscht. Mit Helga kann man über vieles reden. FKK, Gift, die DDR, geheime Badestellen, Hünengräber im Wald, und die Themen, die sich niemals erschöpfen, sind Ordnung, Anstand und Sauberkeit. Wenn Helga zu Besuch war, bin ich danach immer sehr motiviert zu putzen und ein Mittagessen zu kochen, zu dem man Mittach sagt.
Seit einer Weile hat sie neue Zähne. Die sitzen noch nicht so fest und scheinen ihr noch ein ziemlicher Fremdkörper im Mund zu sein. Auch wirken sie größer als die alten, was es mir manchmal etwas schwer macht, ihren Ausführungen zu folgen, weil ich so von den Zähnen abgelenkt bin, die einfach noch nicht so richtig Teil von Helga sind. Ich hoffe, das wird bald besser und sie kann wieder richtig vom Kuchen abbeißen.

Eine ganz andere Sache ist, dass ich ja gar nicht mehr lange hier bin. Am 1. April geht es schon zur nächsten Station, geradeaus über den Feldweg, scharf links durch den Wald und zwei nicht weiter nennenswerte Dörfer und dann bin ich in dem Ort, den ich der Ähnlichkeit halber Bullerbü nenne.
Da wird dann um 7 gefrühstückt und bis dahin muss ich die Ziegen gemolken haben. Also übe ich ab jetzt früh aufstehen.

Der Hund auf dem Foto, das man hier nicht sieht, ist Lea, Leija oder wie sie nun auch heißt. Sie kommt aus Moskau und ist fluffig wie ein Marshmallow. Sie ist von einer dieser vermeintlichen Tiervermittlerinnen ins Gutshaus verschleppt worden, die irgendwelche Hunde von ihren Reisen mitnehmen, dann jemandem in die Hand drücken, der sich überlegen soll, ob er nicht vielleicht einen Hund haben will und peng, haben Leute einen Hund, ob sie nun wollen oder nicht. Wie dem auch sei.
Ich hab sie mir vorgestern ausgeliehen und bin mit ihr spazieren gegangen, den kleinen Feldweg, der direkt hinterm Haus beginnt und zu einem kleinen See führt. Es war ein aufregender Himmel an dem Tag, dunkle Flecken und durchschlagende Sonnenstrahlen, und am See habe ich die Spuren eines sehr fleißigen Bibers gefunden. Zwei Schwäne turtelten auf dem Wasser rum, ein Hase saß im Gras und merkte erst viel zu spät, dass er nicht mehr alleine war, Leija und ich sind durch Wassergräben gewatet/bzw. drübergehüpft, über uns diverse Zugvögel, Wildenten und Reiher.

Und weil ich ab jetzt früh aufstehen übe, muss ich ins Bett. Was Fruchtmumien sind müsst ihr mal selbst rausfinden.


			

2 Kommentare zu „9- Fruchtmumien.

  1. liebe kthrun wallraff,

    ich habe nun den neunten eintrag vom brandenburger fenster gelesen. mit wachsender begeisterung und einer der von dir verlinkten musiken (maxence cyrin) im hintergrund. ich bin gespannt, wie es weitergeht. zum glück ist meine kaffeetasse erst halb leer. erst wenn sie ganz leer ist, fange ich an zu arbeiten, hab ich mir gedacht. – im letzen eintrag schriebst du, es sei schade, dass es keinen wald gäbe, wo du bist. nun schreibst du aber, dass es da doch einen wald gibt, geradeaus und dann links und dann bullerbü, oder so. ich finde die stelle gerade nicht mehr und bin noch zu müde und der kaffee wirkt noch nicht. jedenfalls wollte ich dir nur schreiben, dass ich deine abenteuer sehr, sehr gerne lese. – übrigens sind wir uns schon einmal begegnet, bei r.s geburtstagsfeier letztes jahr. aber unterhalten haben wir uns nicht. vielleicht gibt es mal wieder eine geburtstagsfeier.

    grüße aus neukölln
    von ulli

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    1. Liebe Ulli,

      wie schön! Vielen Dank, ich freue mich!
      Vielleicht findet man die Stelle mit dem Wald, wenn man bei der Suche „Wald“ eingibt. Falls du überhaupt auf der Suche nach der Stelle warst, das wurde mir nicht ganz klar aus deiner Nachricht. Ich bin aber auch gerade aus meinem Mittagsschlaf erwacht, hab den Kaffee noch nicht alle und bin noch nicht ganz wach.
      Hier gibt es jedenfalls keinen zufriedenstellenden Wald in unmittelbarer Nähe, aber geht nunmal nicht alles.
      Ja, ich erinner mich an den Geburtstag, der war ja auch nicht so wild, aber für dieses Jahr ist es schon vorbei….aber vielleicht findet sich ja mal eine andere Gelegenheit und dann mit Unterhalten!
      Viele Grüße aus dem Palindrom!
      Uwine Bobette

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