8- Ort ohne Motor, oder Tiere, Kohl, Brot und der Wald

Gerade noch einen toten Waschbären aus dem Gestrüpp gezogen – jetzt aber bei Kerzenschein schon wieder in der Stube, Brandenburger Fenster schreiben! Da ich mich kürzlich nicht in Lebensgefahr gebracht habe, wird es heute wohl mehr um Tiere, Kohl, Brot und den Wald, also die vermeintlich eher ruhigeren Aspekte des Lebens hier gehen. Fange ich doch bei den ersten an. Ich habe heute zum ersten Mal Witek gestreichelt. Das bedeutet, dass ich mich wahrscheinlich doch ein wenig in Lebensgefahr gebracht habe, aber es ist ganz glimpflich abgelaufen. Hatte aber auch einen Handschuh an. Hätte ich den nicht ohnehin schon angehabt wegen des Ofens, wäre ich auch gar nicht auf die Idee gekommen, Witek mal am Steißbein zu kitzeln. Ich habe mich ganz sicher gefühlt im Handschuh und Witek war zwar etwas verdutzt, dann ging aber sein Motor an und der Rest verlief ganz friedlich und freundlich. Überhaupt finde ich Katzen jetzt ziemlich in Ordnung. Ich hatte immer ein bisschen Angst vor Katzen, aber wenn man sie nicht gerade am Bauch streichelt, kann man sich eigentlich bequem zurücklehnen und in Ruhe ihre Seltsamkeit betrachten. Wie sie sich mit Nachdruck in viel zu kleine Kartons quetschen, bis Fett und Fell über den Rand schwallen und dort bleiben, bis die vier Seiten der Box nach ein paar Tagen plötzlich zu allen Seiten klappen. Oder sich in jedem Moment kurzer Aufmerksamkeit mit einem kleinen ponymäßigen Aufbäumen gegen einen Türrahmen oder ein Tischbein werfen und dramatisch maunzen. Oder zu dritt stundenlang einer Maus in der Stube nachstellen, aber nicht fangen. Naja, irgendwann schon, aber ich glaube es waren zwei Stunden, bis ich von einem Knurpsen und Krachen rechts neben mir darauf aufmerksam gemacht wurde, dass die Maus nun wohl gefangen ist und gefressen wird. Übrig blieb fein säuberlich die Galle. Sie wissen einfach Bescheid, diese Tiere.

Mein Pferd kommt jetzt angeblich wieder öfters auf die Wiese und zieht zwischendurch mal ein paar Baumstämme durch die Gegend. Immer wenn ich ihm eine Möhre bringe und gut zurede, steht es zwar nicht auf der Wiese, aber es macht einen zufriedeneren Eindruck. Und nein, ich projiziere da überhaupt nichts. Ansonsten ist am Himmel so einiges los, da scheinen viele Zugvögel unterwegs zu sein. Ich weiß nicht genau, wie deren Flugzeiten so sind, aber es geht kreuz und quer am Himmel und dabei machen sie viel Trara.

Noch interessanter, weil näher dran, fand ich heute allerdings die Schweine vom Gutshaus nebenan. Das sind keine rosa Schweinchen, sondern 4 mittelgroße Schweine, die eher wie Wildschweine aussehen, aber keine echten sind. Ich habe beobachtet, wie sie mit ihren unheimlich starken Nasen den Boden durchwühlen und hätte mir am liebsten einen Stuhl daneben gestellt und ein Bier aufgemacht, so schön war das. Als sie ihre Nasen durch den Zaun gesteckt haben, konnte ich die Nasen mal anfassen und das sind wirklich sehr beeindruckend kräftige, ja, Nasen eben, aber sie haben auch sehr hübsche Wimpern und ganz lange Augenbrauen.

An die Schweine habe ich überhaupt nur gedacht, weil ich mich heute an die schwere Aufgabe gemacht habe, den neuen Garten zu entquecken. Die Quecke ist ein mieses Gewächs, das seine Rhizome, dicke verflochtene Wurzeln, unter der Erde wie einen Teppich verbreitet. Während ich eine Schubkarre mit Wurzeln, Gras und Erde gefüllt habe, sich aber nur ein halber Quadratmeter Erdboden daraus ergab, begann ich schnell von den Schweinen zu fantasieren, wie sie den Boden umgraben und bin gleich mal rüber gegangen und hab mal nachgefragt, ob wir uns die ausleihen können. Können wir!

Das zweite wichtige Thema in meiner heutigen Nachricht ist Kohl. Durch ein einschneidendes Erlebnis auf dem Gebiet in der vergangenen Woche hatte ich die Eingebung einer weiteren Band, die ich niemals haben werde, nämlich die Band „Kohlfaust“. Meine Absicht war es, Grünkohl zu fermentieren. Nach ein paar Tagen wollte ich mal nachgucken und habe das Häubchen gelüftet – Kohlfaust! Ein Geruch, als würde einem wirklich eine Faust ins Gesicht geschlagen. Daraufhin den ganzen Kohl mit der Faust nochmal schön nach unten gedrückt und alles wieder ordentlich verpackt und zurückgestellt, aber auch noch nach kräftigem Händewaschen – Doppelkohlfaust! Einmal raus und wieder rein in den Raum – Kohlfaust! Die Gerüche die mir in diesen Momenten entgegenschlugen, fühlten sich wirklich nach körperlicher Anwesenheit an.

Nach Band kommt Brot. Tja. Ich habe heute den dritten Sauerteig angesetzt. Es ist nicht so, dass alle anderen nix geworden sind, aber so richtig überzeugt hat es mich keiner und alle die es gegessen habe bisher, sind mir auch als eher weniger anspruchsvoll im kitchen department bekannt. Nix für ungut. Meine liebe Mutter hat mir mitfühlenderweise in ihrem dicken care-Paket Sauerteig-Starter mitgeschickt, und das ist ganz, ganz ganz lieb gemeint, aber ich will diesen verdammten Sauerteig EINMAL selber hinkriegen, bzw. ihn einmal so verarbeiten, dass ein gutes Brot draus wird, bevor ich die Soßenmischung nehme. Die ist dann ja immernoch gut.

Und nach Brot kommt Wald. Letzten Freitag bin ich zum Wald gegangen, der ca. 2 Kilometer von hier entfernt ist. Ich dachte es gibt gar keinen, weil weit und breit überall nur Felder und unheimliche Dörfer. Aber zunehmend und aus verschiedenen Richtungen wurde mir vom „Wald“ erzählt. Fand ich natürlich sehr interessant, weil Wald finde ich ja eine der drei tollsten Sachen auf der Welt. Und nachdem es vormittags erst einen ominösen Schneesturm gab, der dann am Nachmittag von überwältigender Sonne abgelöst wurde, bin ich mit meinen Wikinger-Gummistiefeln zum Wald gewandert, da war es dann auch schon fast dunkel und die Stiefel noch schwerer als sie eh schon sind, aber mein Weg wurde begleitet von Rehen und Häschen, das hat alles sehr erleichtert. Dann habe ich allerdings angefangen, über Wildschweine nachzudenken und mich nicht mehr besonders mutig gefühlt, als ich am Wegrand so durchwühlte Flächen entdeckt habe. Und dann steht jede Woche etwas über Wölfe im Uckermark-Kurier, also habe ich mich über die Gesellschaft all der netten und niedlichen Tiere gefreut und den beeindruckenden Blick über die Landschaft und in den Wald hinein bewundert. Der Rand war wirklich sehr schön. Ich bin dann aber wieder umgedreht. Das ist so ein Ort, wo man keinen Motor hört, wie mir dann auffiel. An unserem Haus fahren pro Tag zwar auch nur 3 Autos im Durchschnitt vorbei, die von ihrem Navigationsgerät in die falsche Richtung geführt werden und dann wieder umdrehen, die fallen auch nicht so ins Gewicht. Auf meinen Ausflügen aus Berlin heraus, oder wo sonst ich mich aufgehalten und das Nichts gesucht habe auf der Welt, habe ich es meistens nur mit Fingern in den Ohren finden können. Dort am Waldrand, neben Rehen und Häschen, Steinhaufen und übermoosten Autoreifen, da hört man keinen Motor. Aber Windräder. Die machen das Grundrauschen. Auf dem Heimweg, vor mir Wolken erschien mir alles wie in einer Landschaft von Janosch’s Traumstunde, woran ich zum Glück kürzlich erinnert wurde, als ich durch die Bibliothek meines Gutshausnachbarn in seiner Jurte zum Essen eingeladen war, mein erstes Mal in einer Jurte rumhängen, hat ja kein Fenster so ein Zelt, wär nicht meine Wohnung, aber zurück zum Wald, da war es wie in Janosch’s Traumstunde und alle die Kinder haben, und das sind ja seltsamerweise gar nicht mal so wenige von euch Brandenburger Fenster-Abonnenten, guckt diese eigentümliche Sendung mit euren Kindern, die Schlüpfrigkeit sehen sie wahrscheinlich nicht, es ist sicher sehr persönlichkeitsbildend und vor allem macht es Spaß! Als ich am darauffolgenden Tag hochmotiviert von meinen magischen Erlebnissen des Vortages mit dem Fahrrad zum Wald gefahren bin, um diesmal nicht vorm Wald wieder abbrechen zu müssen, weil es zu dunkel wird und die Stiefel zu schwer, machte sich ziemlich bald eine gewaltige Ernüchterung breit. Denn als ich die Fahrradreifen so durch den Matsch gekurbelt hab, gab es um mich herum den traurigsten Wald, den ich mitunter gesehen habe. Monokultur drumrum, Monokultur drinnenrin. Ja, ich weiß, Brandenburg ist für seine Kiefernwälder bekannt, aber das Wissen darum ändert nichts daran, wie traurig der Anblick sein kann. Nach hundert Metern war der „Wald“ vorbei. Da stand ich dann vor einer Wiese und einem zerschnittenen Stiefel. Der Wald ist in Wirklichkeit ein Forst.

Ansonsten habe ich heute das erste Mal Wäsche auf der Terrasse aufgehängt. Das ist ein Erlebnis, weil ich seit ungefähr 25 Jahren nicht mehr im Duft von regulär in Sonne und Wind hängender Wäsche gesessen habe, heute freundlicherweise in Mittagsgesellschaft meines Gutshausnachbarn Anton, der sich bei einem Malzkaffee ein paar Ratschläge geholt hat. Das hat mir gut gefallen, in der Brise meiner frischen Söckchen auf der Terrasse sitzend gute Ratschläge im Sonnenschein verteilen. Herrlich! Kommt alle vorbei und holt euch einen guten Rat ab!

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