6- warm und golden

Samstag Abend habe ich mit fünf Männern in einem kleinen Partykeller voller Gewehre verbracht. Wie es dazu kommen konnte, habe ich mich im Laufe des Abends auch wiederholt gefragt, obwohl ich die Antwort ja eigentlich wusste – ich habe geholfen Holz zu transportieren, schließlich muss ich meiner neuen Funktion als Log Lady ja auch gerecht werden. ( https://www.youtube.com/watch?v=MRgA9UGI1fE )

Samstag früh bin ich also mit Tom, dem Nachbarn, der in der alten Schule wohnt, und Anton aus dem Gutshaus, in ein benachbartes Dorf gefahren, wo zu meinem Bedauern die meisten Bäume schon gefällt waren und nun also mit Motorsägen und schwerem Gefährt Holz verladen wurde. Natürlich waren noch ein paar andere Männer da, trotzdem hat alles ewig gedauert, weil die alle ein großes Redebedürfnis hatten und ständig irgendwo rumstanden, geraucht und gequatscht, oder sinnlose Runden mit dem Gabelstapler gedreht haben. Ich hatte jedenfalls Spaß, Holzscheite durch die Gegend zu werfen und habe große Augen gemacht, als ich gesehen habe, wie sich der gefrorene Boden unter den Fahrzeugen gebogen und noch weit von mir entfernt unter mir gewackelt hat. Da haben Peter Wohlleben’s Worte über die zementierten totgefahrenen Böden plötzlich eine ganz andere Bedeutung bekommen. Gut, weil mir das alles zu langsam ging und ich auch noch andere Sachen zu tun hatte an dem Tag, habe ich mich mittags auf einem riesigen Trecker und einem Strauß Mistelzweigenauf dem Schoß nach Hause kutschieren lassen. Es war sehr schüttelig und lustig da oben. Zumindest für mich. Der Treckerfahrer war vielleicht 19 und eher von der Sorte mensch, bei denen Ausdruck von Freude einfach nur uncool ist.

Als Dank für meine Hilfe hatte ich eine Einladung zum Abendessen bekommen und konnte meine leichte Enttäuschung glaube ich ganz gut verbergen, als ich in diese stickige Kammer im Keller kam, wo ein Teller mit belegten Brötchen und diverse Gurkengläser auf dem Tisch standen, drumrum drei von den Holzmännern und Tom. Anton und ich kamen zusammen. Meine Hoffnung, einen erträglichen Abend als Nichtmann mit fünf Männern verbringen zu können, ging mit jeder Runde Korn mehr in den Minusbereich. Und diese Männer trinken zu jedem Bier ca. 7 Korn. Ich bekam Pfefferminzlikör, Rotwein und diverse andere alkoholische Zuckerlösungen angeboten. Hm. Tom hat glaube ich überhaupt nicht verstanden was vonstatten ging, hat auf Autopilot geschaltet und erklärt, dass das Halten von Hunden in Wohnungen Tierquälerei sei und Hunde deswegen in den Zwinger gehörten. Der Mann vom Veterinäramt hat mich auf jede erdenkliche Weise zunehmend belästigt außer physisch, sein Sitznachbar konnte keine zwei Sätze bilden, ohne eine sexuelle Anspielung einzuflechten, der dritte saß nur da in seinem Rammstein-T-Shirt und hat mein Herz damit gewonnen, einfach die Schnauze gehalten zu haben. Anton wusste lange nicht auf welcher Seite er eigentlich steht, aber auf Unterstützung konnte ich nicht warten. Es war nicht leicht, aber im Nachhinein möchte ich sagen, dass es ein guter Kampf war, den ich da an diesem Abend gekämpft habe, wenn auch eine ziemlich wilde verbale Boxerei, aber immerhin waren irgendwann mal alle still und der Veterinärbeamte ist beleidigt im Sitzen eingeschlafen. Zur Beruhigung habe ich dann noch einen Abstecher ins Gutshaus gemacht mit Anton und wir haben den Abend noch ordentlich soziologisch analysiert, Sekt verschüttet und die Füße an den Kamin gehalten. Auf meinem Schoß auf dem Rücken lag die ganze Zeit Rupert, die kleine Katze vom Gutshaus, mit dem Hitlerbärtchen an der falschen Stelle, ein bezauberndes kleines Tier.

Kleines Tier, großes Tier, was ist eigentlich mit dem Pferd, fragt sich vielleicht der eine oder andere? Ich konnte mich zwar in der Zwischenzeit beruhigen lassen, dass es erst im Stall steht, seit der Boden gefroren ist, aber befriedigend ist diese Info trotzdem nicht. Nach meiner ersten stürmischen Erfahrung mit dem Tier hatte ich allerdings zu starke Bedenken, dass es mir einfach abhauen könnte und habe mich deswegen mit mir selbst darauf geeinigt, es zwischendurch zu besuchen, zu putzen, ihm ein paar Möhren ins Maul zu schieben und gemeinsam auf bessere Zeiten zu hoffen. Umgeben von Nachbarn, die Hundehaltung in Wohnungen für Tierquälerei halten und Zwinger für die tierfreundlichere Lösung, muss ich das Preis-Leistungs-Verhältnis meiner Bestrebungen ziemlich genau abwägen, glaube ich. Zwickmühle. Zum Ausgleich habe ich eine kleine dicke Maus in der Stube gefangen und in die Freiheit entlassen. Ich war mit drei Katzen in einem Raum diejenige, die die Maus gefangen hat, naja…. Es war ein schöner Anblick, wie sie im vom Mondlicht schimmernden Schnee durch die Blumenbeete davongetrippelt ist.

Eine weitere interessante Erfahrung war mein erster Besuch bei der Spinnstube im Kulturhaus, wo es ein Kino gibt, einen polnisch-deutschen Chor und jeden Tag Klatsch und Tratsch von 2-4. Wie sich bald zeigte, bin ich ein Naturtalent was die Spinnerei betrifft. Sehr schnell vergingen 2 Stunden, in denen ich mit 4 Frauen und 2 Kindern ein Wollknäuel produziert habe, das etwas größer als ein Tennisball ist. Während ich meinem neu entdeckten Talent nachging, habe ich mir angehört, was diese Frauen so bewegt, eine von ihnen hat ihr Kinderbuchmanuskript vorgelesen und es war wirklich sehr nett und gemütlich. Außerdem gab es Termine mit Solateuren, die viele Erkenntnisse gebracht haben, und homeimprovement für die Vögel, die trotz Stallpflicht wegen der Vogelgrippe nun doch wieder ihre Ställe draußen bezogen haben. Die Stallpflicht und Vogelgrippe sind überall und immer wieder ein unerschöpfliches Thema. Den Enten geht es viel besser, seitdem wir ihnen ihr Haus mit Auslauf wieder im Garten eingerichtet haben. Sie stehen in der Sonne und planschen. Gestern haben wir den Hühnerstall unter einigen Mühen umgesetzt.

Mit den meisten Dingen, die man machen will, müssen erst 5-15 andere Dinge in Vorbereitung getan werden, bevor das eigentliche Projekt erledigt werden kann. Heute morgen habe ich alle Hühner gefangen und in ihr neues Zuhause hinten im Garten versetzt. Das war ziemlich aufregend und Conchita der Hahn war sehr widerspenstig. Als ich am Nachmittag die Balken für das Gewächshaus grundiert habe in der Sonne, ist mein Herz ganz warm und golden angelaufen, die Hühner beobchtend, wie sie auf dem Boden rumscharren und ihr Treppchen rauf- und runterlaufen. Und mit diesem anmutigen Bild verlasse ich euch nun, ohne Samenkatalog-Poesie,es kann nicht immer Kuchen geben.

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