3- Aluhütchenparty

Seit Donnerstag ist der Hausherr auf Reisen und ich bin mit den dicken Katzen und schlanken Vögeln mehr oder weniger allein. Die drei hängen hier so neben mir rum und ab und geben verschiedene Geräusche von sich, von denen ich manchmal röcheln und pupsen nicht ganz unterscheiden kann. Bisher weder Brände noch Einbrüche. Dafür Friede, Freude und Eierkuchen.

Zur Wochenschau: Dienstag mussten wir mal einkaufen. Danach waren wir so fertig, dass wir eine Stunde schlafen mussten. Es ist sehr tröstlich für mich, dass es auch noch andere Menschen gibt, für die Einkaufen eine schwere nervliche Belastung ist.

Die imaginäre Gewinnerkrone, das Besuchsverdienstkreuz geht diese Woche an meine liebe Freundin Frieda, die sich von Mittwoch auf Donnerstag mit meinem neuen Leben vertraut gemacht und ein paar Hauptfiguren kennengelernt hat. Wir haben einen schönen Schneespaziergang gemacht, einen schönen Gang, ein Renekloden-Törtchen gebacken und mit Uwe-Bob ungeduldig auf die Ankunft Herrn Biedermeiers gewartet – einem hübschen blonden Sekretärschrank, den wir Montag in einer Antikhalle in der Nähe aufgetrieben haben und Mittwoch Abend geliefert werden sollte und dessen Ankunft mit größter Ungeduld erwartet wurde. Ich habe zwei Stühle gekauft. Und eine Ente.

Eine Aufgabe mit der ich mich die Woche über beschäftigt habe, war die Recherche diverser erneuerbarer Energien und Terminvereinbarungen in meiner zusätzlichen Funktion als Sekretärin (Miss Schnuck) mit Solateuren und Ofenbauern. Auf den Ofenbauer, der auf meine Frage hin am Telefon, mit wem ich denn eigentlich spreche, „Mit mir persönlich“ geantwortet hat, auf den bin ich schon besonders gespannt. Vogel. Außerdem gibt es einen neuen Menschen: Er heißt Oskar und hilft Uwe-Bob, das Nebengebäude bewohnbar zu machen. Der gute Mann ist so Mitte 40, kommt aus Polen und gehört irgendwie zu Liliana. Er arbeitet wie ein Besinnungsloser und mittags koche ich ihm etwas zu essen. Meine Stelle umfasst momentan also auch offiziell die der Köchin, was mir eine Freude ist und falls es mir mal keine Freude sein sollte, habe ich die Freiheit, mit Königsberger Klopsen aus der Dose zu experimentieren. Oskar und ich führen recht beschränkte Unterhaltungen beim Essen und sobald er fertig ist, steht er auf, bringt seinen Teller weg, bedankt sich und arbeitet weiter. Er isst egal was man ihm gibt, will nie einen Nachschlag, was ich seiner Genügsamkeit zuschreibe und trinkt Kaffee wie ein Loch. Krasser Typ auf jeden Fall.

Zum Glück gehört zu meiner Ausrüstung der wichtigsten Dinge die man so braucht, ein kleines Fläschchen mit Glitzer und mitternachtblauer Nagellack – man könnte ja zu einer Außerirdischenparty eingeladen werden, wie zuletzt erst vorgestern geschehen. Da lässt sich mit Alufolie ja immer was machen. Zum Beispiel ein Haarband mit einem dreieckigen Schild in der Mitte. So ein bisschen wie eine intergalaktische Krankenschwester. Ich bin also gestern Abend zu der Bullerbü-Familie nach W. gefahren, bei der ich ab April sein werde und die mich zum Abendessen und dieser anschließenden Geburtstagsverkleidungsparty eingeladen haben. Die wohnen nur ein paar Dörfer weiter, also habe ich mich mit selbstgemachtem Apfelwein und meinem ersten selbstgebackenen Marmorkuchen auf den Weg gemacht mit dem Auto. Ich war ziemlich aufgeregt, schließlich war ich schon lange auf keiner Party mehr, oder zumindest keiner an die ich mich erinnere (hoffe ich trete niemandem auf die Füße). Erstmal war allerdings die Fahrt nach W. spektakulär, da diese Fahrt durch die Dunkelheit bei nicht unerheblichem Nebel bei mir doch ziemlich für Stimmung gesorgt hat. Während ich also hochkonzentriert Ausschau nach plötzlich auftauchenden Rehen oder kleinen Mädchen in langen weißen Nachthemden gehalten habe, kamen mir all die Stimmen in den Kopf, die mir vor meinem Abschied sagten, wie mutig mein Vorhaben doch sei. Bis gestern Abend hatte ich eigentlich noch nicht das Gefühl, an irgendeiner Stelle besonderen Mut aufbringen zu müssen. Obwohl, das stimmt gar nicht. Als ich Freitag Abend noch einen Brief zum Briefkasten bringen wollte und auf dem Weg die Straße runter in Gedanken an die gruseligen Geschichten vertieft war, die mir über Brandenburg zu Ohren gekommen sind (einem Hof mit Keller für schwarze Messen mit benachbartem Keller für SM-Sex, und einem anderen Hof für Sodomie), patschte mir plötzlich von hinten ziemlich stark etwas auf die Schulter und mir ist das Herz in die Hose gerutscht. Ich bin ungeübt im Beschreiben von Spannungsmomenten, nach der Verwendung von „plötzlich“ ist mein Repertoire erschöpft befürchte ich, jedenfalls war es der unerzogene Hund vom Gutshaus, der alles und jeden anspringt, gern auch von hinten auf dunkler Straße. Als ich wieder Zuhause ankam, hatte ich immernoch ein bisschen Herzklopfen vor Schreck. Zurück zur Aluhütchenparty. Sobald das „Versorgungsschiff“ geöffnet hatte, habe ich mir erstmal einen „Kometenschweif“ bestellt, denn der sollte ja verglüht sein bis zur Rückreise. Ich weiß nicht wann ich das letzte Mal auf einer Verkleidungsparty war, bei der wirklich alle verkleidet waren und sich so hingebungsvoll und rührend Mühe gegeben haben. Es gab außerirdische siamesische Zwillinge, die durch ein Bettlaken miteinander verbunden waren und so ein Klickschnalzgeräusch von sich gegeben haben, was echt unheimlich war, viele kleine Kinder in grünen Anzügen und mit wilden Frisuren, eine Galaxiebiene mit einer Teesiebbrille, eine Art Wikingerbraut mit Metalldurchschlagsieben zu riesigen Brüsten verbunden, dazwischen hüpfte ein ca 17jähriger, geschätzte 40 Kilo wiegender männlicher Playboyhase durch die Menge, so könnte es jetzt noch lange weitergehen… Nachdem ich 1-2 Stunden damit verbracht hatte, all die Außerirdischen ungeniert von oben bis unten zu studieren, war ich eigentlich schon ganz müde vom vielen Gucken, also eigentlich normaler Partyverlauf bei mir. Etwas verstörend war der Gedanke daran, dass das Material für die Verkleidungen wahrscheinlich nicht eigens für die Veranstaltung angeschafft wurden, sondern bereits vorhanden war, was viel Aufschluss über die Beschaffenheit der anwesenden Gäste gegeben hat. Diese Leute in W. können jedenfalls ordentlich feiern, die haben keine falschen Hemmungen. Helga sagt zu den Leuten aus W. immer hinter vorgehaltener Hand „Ökos“, als wäre das ein sehr sehr unfeines Wort, das man eigentlich nicht laut aussprechen darf oder eine politisch inkorrekte Bezeichnung sei. Ich würde sagen, es sind ziemlich schlimme Ökohippies mit stark esoterischen und anthroposophischen Einschlägen. Ich habe noch über zwei Monate, mich vorzubereiten und die Grenzen meiner Toleranz zu dehnen oder festzustecken, je nachdem. Meine Lieblingsbekanntschaft an dem Abend war jedenfalls Friedhelm, wir haben uns am Aludreieck sofort erkannt und uns in ein Gespräch verwickelt, was nicht so leicht war, weil ich ihn unter seiner Alurampe auf der Nase so schlecht verstehen konnte und mein Ohr immer so weit unter seine Nase halten musste. Die schlichte Eleganz seines Auftritts hat mich einfach sofort überzeugt, diese Rampe, kombiniert mit dem zeitlosen Schick des pensionierten Finanzbuchhalters – einfach klasse. Hat sich echt abgehoben von der Menge da. Viel Interessantes ließ sich in Erfahrung bringen gestern Abend, so einige nützliche Informationen haben ihren Weg zu mir gefunden. Der Heimweg war nicht weniger gruselig als der Hinweg, über die kleinsten Dörfer die ich je gesehen habe, wo man langsam durchrollt und sich unwillkürlich fragen muss wer oder was da lebt hinter den alten Mauern. Ein Reh habe ich dann doch noch im Scheinwerferlicht des Gegenverkehrs über die Straße gehen sehen. Der Art des Nebels nach zu urteilen, hätte mich eine Siebenjährige im Nachthemd wie gesagt aber auch wirklich nicht überrascht. Ich glaube, ich bin echt etwas mutig.

Auch aus der Ökoexperimente-Ecke gibt es Neues zu berichten: Nein, der Sauerteig braucht noch mindestens eine Woche bis er Blasen wirft und verarbeitet werden kann. Dafür habe ich mich von einem fragwürdigen Selbstversorger-Büchlein dazu inspirieren lassen, mein Haar ganz ganz ganz natürlich zu waschen. Zu diesem Zweck habe ich gestern in der Badewanne ein Eigelb auf meinem Kopf zerdrückt. Plopp. Abgesehen von dem lustigen Gefühl, das das macht, kann ich diese Praxis mit großer Überraschung weiterempfehlen – auch heute noch ist der seidige Schimmer deutlich zu sehen und sogar zu spüren und Glanz liegt sogar in meinen Augen….

Weiter in der Kategorie Samenkatalog-Poesie: Hirschwurzel, Bärwurz, Bibernelle, Ballonblume, Bienenbaum, Glockenwinde, Atlasblume, Blausternchen, Levkoje, Brutblatt, Coreopsis, Wirsingkohl „Smaragd“ „Winterfürst 2“ und „Vorbote3“, Lerchenzungen, Gigant/Superschmelz, , Helgoländer Wildkohl (klingt so frivol) Nicht so poetisch hingegen: Die dicke Bohne „Hangdown“, Diepholzer Dickstrunk, die Stoppelrübe und die Chinesische Keule.

Lieblingsmomente: Beim Blick aus dem Auto spaziert ein Fuchs über das Schneefeld im Sonnenschein. Die Hühner dabei beobachten wie sie den Grünkohl durch den Stall schleudern, so wie wenn Raubtiere mit ihrer noch lebendigen Beute spielen bevor sie sie fressen. ?-Moment: Ein komisches Tier, das wie eine Mischung aus Hyäne und einem kleinen Schwein aussieht, schleicht sich am Gartenzaun entlang und verdrückt sich hinterm Kompost. Und als ich bei der Bullerbüfamilie gestern war und A. gesagt hat, morgen gebe es „wieder neues Internet“, als sei das Internet ein Tank, der 1x monatlich von Zauberhand aufgefüllt wird. Ich bin unsicher, ob das eine Geschichte für die Kinder ist, oder ob ich das Brandenburger Fenster ab April handschriftlich einreiche. Wetterbericht: Nach all den aufregenden Stürmen zu Beginn, nun eine einheitlich graue Emulsion am Himmel, die ganze Woche, null Grad ist entweder gar nicht so kalt, oder das Thermometer lügt. Der Schnee schmilzt. Aber was macht das Draußen schon, wenn es Drinnen so ist: https://www.youtube.com/watch?v=KQBoeBgb0uk Nachdem am Freitag ja nun das Unvermeidbare geschehen ist, hat es mich heute Morgen fast zu Tränen gerührt, die Fotostrecken der weltweiten Protestmärsche anzugucken. Auch wenn der Anlass abscheulich ist, ist es mindestens genauso überwältigend gut zu sehen, wie viele Menschen für die richtige Sache aufstehen, sich zeigen und kämpfen.

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