2- Leben ohne Avocado

Nachdem ich das letzte Brandenburger Fenster verschickt habe, bin ich noch am selben Abend in die Dunkelkammer umgezogen, weil ich das Haus fast in Brand gesteckt hätte. Jedenfalls hat es oben im Teleskop-Ponyzimmer gekokelt – der tolle Waldgeruch, von dem ich geschwärmt habe, der dem trocknenden Holz aus der Ofenluke entströmte, vielleicht ahnte es der ein oder andere bereits, nein?- verwandelte sich im Laufe des frühen Abends in eine recht dichte Rauchwand. Ich habe die Luft angehalten, wurde sehr schnell sehr schnell, habe alles Holz aus der Luke rausgekramt, bin schnell die Treppe runtergelaufen und hab Luft geholt, wieder hoch und weiter gekramt und das kokelnde Holz mit Wasser überschüttet, die GEISTESGEGENWÄRTIGKEIT setzte etwas verspätet ein, aber dann hab ich alles aus dem Fenster in den Schnee geworfen. Der Umzug bringt vor allem den Vorteil mit sich, dass mir nun warm ist. Als ich ankam dachte ich, dass sei jetzt eben so mit der Kälte. Ist es aber gar nicht. Überhaupt habe ich viel mehr Energie, weil ich nicht mehr so viele Kalorien an das Zittern verliere, vermutlich. Es war einen Versuch wert, in einem nicht isolierten Zimmer zu wohnen, das von vier kalten Seiten umgeben ist und vor dessen Tür ein Schneehäufchen liegt. Wenn ich mal Hoffnung habe, dann ist sie stark und sehnig.

Insgesamt habe ich einen 1a Eingewöhnungsprozess durchgemacht. Jedenfalls verteilen sich meine Kräfte besser und ich bekomme einen Rhythmus. Letzte Woche war Holzhacken noch anstrengend und mein Rücken tat schnell weh, diese Woche ist es nur noch Morgengymnastik. Montag Abend habe ich herausgefunden, dass was mir beim Baden offenbar immer gefehlt hat, Whiskey war. Drei Schlücke über die Strecke des Bads verteilt und ich bin überhaupt nicht so ungeduldig wie sonst und habe in Ruhe „Kaltblütig“ von Truman Capote gelesen. Es war wirklich schön! Man sieht: Entwicklungen auf allen Seiten und Ebenen. Auch Space macht es sich nun manchmal beim Frühstück auf meinem Schoß bequem, was mich so freut, dass ich mich dann gar nicht mehr zu bewegen traue, aber auch quält, weil Katzen ja im Gegensatz zu Hunden ihre Krallen so rausfahren wenn sie sich wohlfühlen. Dabei fällt mir ein – Frühstück! Seit 2 Wochen habe ich nichts mehr über Syrien gelesen – dafür umso mehr Nachrichten wie z.B. dass ein nackter Schwarzfahrer auf dem Klo bei der Intimrasur gefunden wurde oder jemand einen Tankwart mit einer Bockwurst bedroht hat, das ist der Uckermark Kurier, Syrien scheint es für die einfach gar nicht zu geben. Montag war überhaupt ein aufregender Tag, denn ich habe nicht nur zum ersten Mal aus einer beträchtlichen Menge Schnee ein Mittagessen herausgezogen (Lauch) sondern auch ist Helga mit ihrer Freundin Anette zum Kaffee gekommen und die hat mir alles über Kühe erklärt. Am Abend haben Uwe-Bobs Besuch, Uwe-Bob und ich, Uwe-Bob’s Freund, haltet euch fest, Bobbie besucht. Bobbie kommt aus P. und ist nach P. gezogen und arbeitet am Infostand bei Kaufland und hat dort offenbar genug Stunden verbracht, um sich ein ehemaliges Sommerhaus (ostdeutsch Datsche glaub ich) zu kaufen, es abzureißen und ein Fertighaus draufzustellen. Wir sind also im Dunkeln in der rollenden Disko zu Bobbie gefahren und er hat mir alles geschenkt worauf ich meinen Blick gerichtet und angelächelt habe. Nach Hause kam ich mit einem Doppeldeck-Ghettoblaster, einem DDR-Thermometer das immer 20 Grad anzeigt, wie ich im Laufe der Woche mit zweifelnder Augenbraue festgestellt habe, dem bezaubernden Gemälde eines Blumenbouquets, einem geheimen Geheimgeschenk und diversen Mehl- und Zuckertöpfen, die ich dann in das Haus stelle das ich nicht habe. Ich finde es schön, so wirklich andere Leute als sonst kennenzulernen. Am Dienstag habe ich zum ersten Mal blaue Kartoffeln gegessen, und sage ja dazu. Ein lautes und deutliches JA! Man kann sie als Rösti mit Spiegelei und Grünkohl sehr genießen.

Meine Studien haben sich diese Woche dem Thema gewidmet, wie man eigentlich einen Garten anfängt, das soll man sich mal nicht so einfach vorstellen, denn es gibt die Fruchtfolge, die Mischkulturen, die Pflanzenfamilien und da muss man erstmal durchfinden. Ich bin dann etwas weitergesprungen zu Solarenergie, Öfen und auch der Komposttoilette „Donnerbox“, wie sie in meinem einen Buch beschrieben steht. Ich habe viel gelernt. Da Uwe-Bob sich darum bemüht, diverse Getreide in seinen Speiseplan einzuarbeiten, habe ich die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und die für uns beste Getreidemühle und Flockenquetsche besorgt. Nur so viel: Es fühlt sich gut an, Getreide zu mahlen. Ich habe sogar einen Sauerteig angesetzt.

Mittwoch blies der Schnee horizontal am Fenster vorbei und der Wind war eisig. Der ganze Mist aus dem Stall ist auf dem Weg zum Kompost fast komplett weg geweht. Tja. Der Tag war dann zwischen 3 und 4 vorbei und außer Walnüsse knacken und Twin Peaks gucken ist nicht mehr viel passiert außer Schneesturmstimmung. Plötzlich war Freitag und endlich habe ich mein Vorhaben realisiert, die Hippies im Gutshaus zu besuchen. Gott allein weiß was da drüben los ist, aber vorgefunden haben Uwe-Bob und ich lediglich Anton, der sich seit zwei Monaten im Nebenhaus eingewöhnt. Wir haben ihm zwei Gläser Walnuss-Törtchen (selbstgemacht zu Cowboymusik) mit kleiner Schneehaube von hier nach da mitgebracht und er hat mir das ganze Haus gezeigt, das war sehr interessant. Gestern haben wir Liliana im Dorf um die Ecke besucht und wir sind durch die schöne Winterlandschaft gefahren und ich habe gestaunt wie klein und groß Deutschland gleichzeitig ist, dass im Osten die Zeit vielerorts seit 100 Jahren stehengeblieben zu sein scheint. Lieblingsmomente: Die Enten im Wasser morgens rumplanschen zu hören wenn ich ihnen frisches Wasser gebracht habe und den Stall verlasse, das Geräusch das der Ofen macht wenn er zieht, Uwe-Bob kommt mit der Post und übergibt mir einen BRIEF <3.

Erkenntnis der Woche, die ich schonmal hatte: Hühner sind Waldvögel. Außerdem: Auch Gummistiefel können und müssen eingelaufen werden. Zwischenbemerkung: Ich werde dieses Jahr fast alle Geburtstage vergessen, aber denke dafür auch fast täglich an alle, also an euch alle, nicht die Geburtstage. Bereits in den ersten zwei Wochen beschleicht mich zwischendurch so ein mieses Gefühl, das ich in Zukunft einfach weiter so gut es geht zu ignorieren versuche. Ich hab euch lieb. Alle. Auch wenn ich euch nicht gratuliere.

Eröffnung der Kategorie Samenkatalog-Poesie: Lichtwurzel, Schnee-Marbel, Blutpflaume, Graf Althans Reneklode, Japanische Weinbeere, Krähenbeere, Sibirische Blaubeere, Blaue Honigbeere, Wildapfel, Kuper-Felsenbirne, Schlehe, Forellenbohne, Malabarspinat, Erdmandel, Würzsilie, Elfenspiegel, Wiesensalbei, Bunte Wucherblume, Phacelia, Wilde Rauke, Wollfrüchtiger Feldsalat, Zackenschote, der Brokkoli Rosalind, Roodnerf und Knospenkohl und die Möhre „Gniff“.

 

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